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Jonas und Alexandra

Gemeinsam Jagd erleben - Autor
am
Donnerstag, 01.01.2015 - 10:31
Frau und Junge machen ein Selfie © gemeinsam Jagd erleben

Ich durchforste meinen Bestand an Jagdkleidung und finde eine passende Hose und eine grüne Fleecejacke. Jonas, Jagdterrier und Waffe ins Auto und ab geht die Reise ins Jagdrevier. Auf der zweieinhalbstündigen Fahrt sprechen wir über die Wildtiere, Jagd- und Schonzeiten, Naturschutz und Fallenbau. Mein Neffe lauscht interessiert. Er lässt sogar die Hände vom Smartphone. Im Quartier angekommen, starten wir zu einer kleinen Revierfahrt und gucken uns den Platz für den kommenden Abend aus. Es ist Blattzeit und wir wollen uns einen Bock heranblatten. Für mich ist es Premiere, das erste Mal Blatten!

Nach dem Abendessen brechen wir auf, wir wollen um 20.00 Uhr sitzen. Mein Neffe sitzt mit dem Fernglas auf einer niedrigen Holzleiter mit Blick auf die große Wiese und den Wald gegenüber. Ich beziehe ein paar Meter rechts von ihm meine Leiter, bewaffnet mit meiner brandneuen Büchse und dem Rehblatter. Es ist ein traumhafter Sommerabend. Zwei Hasen tummeln sich auf der Wiese vor uns. Über Whatsapp informieren wir uns über unseren Anblick. Nach 20 Minuten in der Leiter beginne ich mit dem Kitz-Fiep aus dem Buttolo-Blatter. Ich halte mich streng an die Gebrauchsanweisung. Aber es tut sich nichts. Keine Bewegung. Nicht so ungeduldig, sage ich mir. Mein Neffe beobachtet immer noch die zwei Hasen.

Gegen 20:30 kommt ein Schmalreh in Anblick an der Waldkante. Mein Neffe fragt, warum ich nicht schieße. Ich erkläre ihm, dass Schmalrehe - die weiblichen Kitze aus dem letzten Jahr - im Juli noch keine Jagdzeit haben, sondern erst ab 1. September.
'Achso, ihr dürft gar nicht einfach alles erlegen, was ihr vor die Flinte kriegt?'
'Nein, es gibt gesetzlich festgelegte Jagd- und Schonzeiten für all unsere jagdbaren Wildarten.'
Bei der Gelegenheit erkläre ich ihm auch gleich noch den Unterschied zwischen Flinte und Büchse. Ich blatte erneut, die nächste Kitzfiep-Sequenz. Ich finde, es klingt gut. Ohne wirklich zu erwarten, dass es gleich beim ersten Mal klappt, entdecke ich völlig überrascht etwa 300 Meter rechts von mir in der Ecke der Wiese einen roten Punkt. Sollte das Rehwild sein? Oder sogar ein Bock? Ich halte inne, warte ewige Minuten und blatte erneut. YES, es ist ein Bock, der mit großen Sprüngen auf mich zuspringt. Ich bin so perplex, dass ich fast vergesse, die Waffe hoch zunehmen. Die Waffe im Anschlag, warte ich auf sein Näherkommen. Ein letztes Mal auf den Blatter gedrückt. Da ist er: jung, dynamisch und heiß. 30 Meter vor mir. Ich halte den Atem an, lege den Daumen leise auf den Spannschieber und drücke ihn ganz vorsichtig und langsam nach oben. Der Bursche steht breit und ... KLACK!
Die Handspannung rastet ein. Der Bock äugt in meine Richtung, schreckt und springt ab. Ich sitze minutenlang fassunglos im Anschlag mit der gespannten Waffe, schaue meinem Böcklein traurig hinterher und denke, dass der Büchsenmacher die Handspannung wohl nacharbeiten muss.

Mein Neffe fragt, was passiert ist, er sah den Bock unbehelligt abspringen. Das ist halt Jagd, sage ich und erzähle ihm mein Erlebnis. Bis zum letzten Büchsenlicht bleibt die Bühne leer. Ich entlade die Waffe, baume ab und sammle Jonas ein. Wir gehen noch ein Stück mit dem Hund, dem heute Abend auch kein Jagderlebnis beschert wird. Wir beschließen am nächsten Morgen wieder raus zu gehen. Leider macht uns am Samstag morgen das Wetter einen Strich durch die Rechnung und wir verschieben es auf den Abend. Für den Abendansitz wird eine Kanzel mitten im Bestand auserkoren, in der wir auch zusammen sitzen können. Mit Blick auf eine Kirrung genießen wir die Gesellschaft von Spinnen, Mücken und Wespen in unserer Kanzel und harren des Wildes, das da kommen soll. Nach zwei Stunden ohne jeglichen Anblick baumen wir ab. Wir machen noch eine Revierfahrt im alten Bulli durch den Wald und ich nutze die Gelegenheit, die Bäume zu beschreiben und zu erklären, welche Tiere hier ihr Zuhause haben. Meinem Neffen hat's gefallen und er möchte auf jeden Fall noch einmal mit. Er hat viel gelernt und nun ein ganz anderes Bild der heimischen Fauna und Flora sowie vom Handwerk Jagd.