Vom Welpen zum Nachsuchenhund (Teil III)


Das Ablegen auf der Fährte auf Zuruf ist im Rahmen der Führungstechnik u. a. bei Konzentrationsverlust des Hundes ein sehr wirksames Verständigungsmittel. Die Riemenarbeit erfordert vom Hund eine relativ hohe Konzentration. Über das Schnüffeln verschafft er sich in kurz frequentierten Zeitabständen Geruchsinformationen vom Fährtenverlauf. Das Schnüffeln aber bewirkt eine sehr reduzierte Atemtätigkeit, wobei nicht hinreichend genügend Luft bis in die tiefen Lungenregionen gelangt. Das führt zu einer Sauerstoff-Unterversorgung, was wiederum die Konzentrationsfähigkeit nennenswert beeinträchtigt und zur Ermüdung führt. Der Hund hechelt, obwohl es gar nicht sonderlich warm ist. Als bestes Mittel dagegen nutze ich das vorübergehende Ablegen des Hundes, währenddessen er tief durchatmen kann.

Ablegen will früh gelernt sein

Ablegen auf der Fährte nach Zuruf.


Es ist immer wieder beeindruckend, wie der Hund nach einer Pause von einigen Minuten wie neu geboren konzentriert weiter arbeitet. Das Ablegen ist auch ein Mittel, um den durch Verleitungen oder andere Störungen irritierten Hund wieder ins mentale Gleichgewicht zu führen. Als reine Unterordnung ist das Ablegen auf Zuruf aber nicht erst gelegentlich der Riemenarbeit zu üben, sondern es muss für den Hund bereits im Rahmen der Grundausbildung zur Selbstverständlichkeit geworden sein. Erst danach wird das Ablegen auf Zuruf auf allen folgenden Übungsfährten wiederholt abverlangt, um die Selbstverständlichkeit des Ablaufes zu festigen und damit diese Art der Kommunikation für den Hund zur Routine wird.

Verweisen von Pirschzeichen

Das Verweisen von stärkeren Duftquellen der Rotfährte ist bei den etablierten Schweißhunderassen zu großem Teil als genetisch verankerte Verhaltensweise gegeben. Für den Nachsuchen-Führer ist es sehr hilfreich, wenn sein Hund Pirschzeichen verweist, sei es als Bestätigung der Ansatzfährte, sei es als Hinweis auf für die Nachsuche relevante Entscheidungshilfe (z. B. Wundbett). Bei den vielseitigen Jagdgebrauchshunden finden wir das anlagebedingte Verhalten weniger, es ist aber durchaus mit Hilfe etablierter Verweiserpunkte zu lehren. Verweiserpunkte werden nur mit Material aus der Fährtenherstellung beschickt.

Verweiserpunkte werden nur mit Material aus der Fährtenherstellung beschickt, hier abgezweigt von dem Lungen-Schleppen-Stück. © Uwe Tabel

Verweiserpunkte werden nur mit Material aus der Fährtenherstellung beschickt, hier abgezweigt von dem Lungen-Schleppen-Stück.

Zunächst bevorzuge ich die geschleppte oder getupfte Fährte mit Gewebeteilen (Lunge, Pansen etc.), weil die Verweiserbröckchen einfach vorbereitet werden können. Aber auch kleine Bröckchen aus Schweißmaterial (z. B. geronnene Teile oder ein Tropfbett) erfüllen den Zweck. Wichtig ist allein, dass Fährten- und Verweiser-Material identisch sind. Ein leichtes Abdecken mit Bodenstreu verhindert die rasche Teilhabe von Vögeln. Jeder Verweiserpunkt muss aus der Entfernung deutlich sichtbar markiert sein. Betont langsam nähern wir uns dem Punkt. Sobald der Hund die konzentriertere Duftstelle anzeigt, greife ich am Schweißriemen zügig zu ihm vor und bekunde ihm dort unter „lass sehen“ mein besonderes Interesse. Der Hund darf das Bröckchen ggf. aufnehmen. Für den ganzen Vorgang nehme ich mir gut Zeit und sorge wie am Anschuss dafür, dass der Hund danach den roten Faden wieder konzentriert aufnimmt. So begreift der Hund relativ rasch das Verweisen, welches im Fortgang der Ausbildung verfeinert wird, mit zunächst größeren bis zunehmend kleineren Bröckchen. In der Praxis verliert das kranke Stück Wild nur sehr selten Gewebeteile, sondern in erster Linie Schweiß, aber für die Ausbildung ist die beschriebene Vorgehensweise sinnvoll.

Vorsuche

Auf der „Linie“ muss der Hund konzentriert mit der Nase allein die Ansatzfährte arbeiten.


Die Vorsuche gehört in jedem Falle zur Ausbildung des für Nachsuchen bestimmten Hundes. Beim Suchen ungenau bekannter Anschüsse oder verlorener bzw. unterbrochener Fährtenverläufe, beim Umschlagen schwer zugänglicher Geländebedingungen zum Wiederfinden des Auswechsels und bei anderen Umständen mehr ist die Vorsuche ein wichtiger Bestandteil der Nachsuche.

Angesichts der vielen Bewegungsjagden, wo Anschüsse sehr häufig nur vage bekannt sind, wurde auch in der seit 2016 gültigen VSwPO die Anschuss-Suche folgerichtig aufgenommen. Das Verweisen, ob erlernt oder angewölft, kommt hier zur Hilfe.

Erste Übungen erfolgen bei Gegenwind, wobei ich den Hund mit dem Kommando „such vorhin“ in die Richtung des zuerst nur etwa 15m entfernten, mit Pirschzeichen (und kurzer Anschluss-Fährte) versehenen Anschuss schicke. Verweist er dort, greife ich unter lobendem „lass sehen“ zu ihm vor, lege den Hund ab, „untersuche“ den Anschuss auf Pirschzeichen und lasse dann die Anschluss-Fährte arbeiten. Der Hund begreift seine Aufgabe sehr schnell. Anspruchsvollere Übungen folgen mit zunehmenden Entfernungen und schließlich bei Nackenwind. Hat der Hund den Auftrag verinnerlicht, gehe ich beim Suchen einer Fährte in entsprechender Weise vor.

Zum Linienlaufen wird der Hund leicht verleitet, wenn der Fährtenverlauf über längere Strecke auf einer optisch wahrnehmbaren Linie (Weg, Schneise, Pfad, Wildwechsel etc.) liegt. Der Hund geht zunehmend zur einfacheren optischen Orientierung über und vernachlässigt den Nasenkontakt zur Fährte.

Die Situation wird für ihn ggf. noch verschärft, weil die Fährte auf festem Untergrund schwieriger zu halten ist. Er muss also dazu angehalten werden, auch gerade unter diesen Bedingungen sich auf die Nasenarbeit zu konzentrieren. Deshalb lege ich im fortgeschrittenen Ausbildungsstadium bewusst Teile der Übungsfährte auf solche Linien und verlasse sie wieder im rechten Winkel. Jede Oberflächlichkeit beim Nasengebrauch ahnde ich mit einem tadelndem „äh!“. Die selbstverständliche Unterordnung kommt hier wieder in besonderem Maße zum Tragen. Mein geäußerter Unwille veranlasst den Hund, sich wieder auf den Nasengebrauch zu konzentrieren. Wildwechsel beinhalten eventuell noch die zusätzliche und konzentrierte Verleitung durch eine Rotte oder ein Rudel. Jedenfalls gilt auch hier, die Anforderungen schrittweise zu erhöhen.

Zusätzliche Hinweise

Der Lerngewinn des Hundes im Ausbildungsverlauf wird begründet durch häufige Wiederholung und kontinuierlich zunehmende Anforderungen.

Auf letztere will ich hier noch bei einigen Punkten eingehen.

Bei der Totsuche bleibt das Führungsverhalten wie bei der Kunstfährte. © Uwe Tabel

Bei der Totsuche bleibt das Führungsverhalten wie bei der Kunstfährte.

Überleitung von künstlichen Fährten zur Nachsuche in der jagdlichen Praxis

Es steht außer Zweifel, dass der allein auf Kunstfährten ausgebildete Hund noch kein Spezialist als Nachsuchen-Hund ist oder sein kann. Die volle Praxistauglichkeit benötigt schlicht Erfahrung, sowohl seitens Hund als auch Führer. Aber der nach diesem Konzept ausgebildete Hund, nennen wir ihn hier VSwP-Hund, hat eine Eingangsvoraussetzung zum Nachsuchen-Hund und verfügt über eine Qualifikation, die dem Vorprüfungsabsolventen beim Verein Hirschmann oder beim Klub Bayerischer Gebirgsschweißhunde nicht nachsteht. Um als Gespann den Einstieg in die anspruchsvolle Nachsuchen-Praxis zu bekommen, nutze ich zunächst Möglichkeiten vieler Totsuchen. Hier besteht die Gefahr, dass meine jagdliche Passion mich verleitet, primär das Stück haben zu wollen und die qualifizierende Führung des Hundes zu vernachlässigen. In diesem Bewusstsein zwinge ich mich, mein Führungsverhalten gegenüber dem der Ausbildung auf der Kunstfährte nicht zu ändern! Am Anschuss wird der Hund abgelegt und hat geduldig zu warten. Das bedeutet insbesondere auch hier die langsame Gangart und den engen Kontakt zur Fluchtfährte einzufordern. Für den Hund ist eine solche Nachsuche natürlich besonders eindrucksvoll und motivierend.

Schwierigkeit langsam steigern

Der Führer greift zum verweisenden Hund vor, um ihm sein Interesse an der gefundenen Duftkonzentration zu bekunden.


Es ist auch sinnvoll, die Totsuche nicht auf taufrischer Fährte anzugehen, sondern etwas abzuwarten, insbesondere wenn das Stück aus einem Verband (Rudel, Rotte, Sprung) beschossen wurde, weil die Witterung mehrerer Tiere die der eigentliche Rotfährte überlagert. Schritt für Schritt nehme ich (vermutlich) anspruchsvollere Nachsuchen an. Nach Möglichkeit soll der Hund natürlich jeweils an das Stück kommen. Als verantwortungsbewusster Jäger aber bin ich auch stets bereit, im anderen Fall ein Spezialisten-Gespann anzurufen. Einen besonderen Aspekt macht die Hetze mit dem Niederziehen und Abwürgen aus, was beispielsweise bei periphären Verletzungen des Rehwildes erforderlich ist. Eine solche Erfahrung bei mehreren Gelegenheiten in Folge ist gerade für unseren vielseitigen Jagdgebrauchshund derart von Lust begleitet, dass er in Erwartung eines gleichen Erlebnisses die konzentrierte Riemenarbeit gelegentlich vernachlässigt. Das hier vorgestellte Ausbildungs-Konzept hat den großen Vorteil, dass der damit ausgebildete Hund durch entsprechende Übungs-Kunst-Fährten wieder auf seine Aufgaben als Nachsuchen-Hund eingestellt werden kann.

Im Übrigen arbeitet er trotz reicher Praxis auch in fortgeschrittenem Alter immer noch passioniert Kunst- Schweißfährten, was mir das „Einnorden“ auf die anspruchsvolle Riemenarbeit durch Übungsfährten auch bei zwischenzeitlich völlig anderen Einsätzen jederzeit möglich macht. Im Übrigen wächst mein Gespann an hinreichenden Gelegenheiten von Nachsuchen und kann schließlich die Augenhöhe manches anerkannten Nachsuchen-Gespannes erreichen.


Uwe Tabel Forstdirektor A.D., Verbandsrichter seit 1958, Leiter/Mentor bei diversen Lehrgängen und Seminaren. Autor jagdkynologischer Beiträge in Fachzeitschriften, eigenes Buch „Auf der Schweißfährte“.
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