Vom Welpen zum Nachsuchenhund (Teil II)

Anschuss-„Untersuchung”. Der Hund wird angesetzt.


Die Wirksamkeit der selbstverständlichen Unterordnung im Rahmen der Riemenarbeit kommt erst beim älteren Hund richtig zum Tragen, wenn er die beuteheischende Verlockung durch diverse Wildarten erfahren hat (Verleitungen!). Die Grundlage aber dazu schaffe ich bereits beim Welpen im Rahmen der zielorientierten Früherziehung. Wenngleich mit der Früherziehung des Jagdhundes ein unschätzbares Startkapital für seinen späteren „Beruf“ gegeben wird, hier insbesondere für die anspruchsvollen Nachsuchen-Aufgaben, kann auch der nicht vorgebildete Jährling noch zu einem guten Riemenarbeiter ausgebildet werden, – allerdings erschwerend.

Zielführend ist auch in solchem Fall, dass ihm während der Ausbildung am Fährtenende stets ein lustbetontes Erlebnis geboten wird, welches seine Motivation nährt. Selbst bevorzuge ich auch hier den Brocken für den wirklich hungrigen Hund, aber der Fantasie können dazu auch andere Möglichkeiten entspringen.

Die Schweißhalsung wird dem Hund angelegt. © Uwe Tabel

Die Schweißhalsung wird dem Hund angelegt.

Rascher Lernfortschritt

Für die Ausbildung zum qualifizierten Riemenarbeiter ist in jedem Fall entscheidend, dass dem Hund schließlich die beiden Ausgangsvoraussetzungen vermittelt werden:

Motivation einerseits und stressfreie Unterordnung andererseits.

Die Motivation steht für den inneren Antrieb des Hundes, der Fährte am langen Riemen konzentriert und passioniert zu folgen. Mit dem hier vorgestellten Konzept erfolgt ein rascher Lernfortschritt, so dass bereits nach relativ kurzer Zeit allein das Anlegen des Schweißriemens die Motivation auslöst. Die dem Hund selbstverständliche Unterordnung ist die Grundlage harmonischer Zusammenarbeit mit dem Führer. Die Unterordnung darf nicht im Zusammenhang mit der Riemenarbeit exerziert werden, sondern die Übungen müssen im Vorfeld über die Grundausbildung zur Selbstverständlichkeit geworden sein.

Aus jagdkynologischer Sicht ist es faszinierend, wie sich der etwas ältere, erfahrene Hund auch nach einer kürzlich noch lustvollen Stöberarbeit angesichts des Schweißriemens und meiner (jetzt anderen) Führungsweise konzentriert der Nachsuchen-Anforderung widmet.

Allerdings ist es auch eine der besonderen Herausforderungen des Führers, beides – die Motivation und die Unterordnung – auf hohem Niveau zu halten.


Ein Tupfstock. © Uwe Tabel

Ein Tupfstock.

Künstliche Schweißfährte

Es wird immer wieder die Frage gestellt, wann von der Futterschleppe auf Schweiß umzustellen sei. Aus meiner persönlichen Erfahrung ist die Frage relativ unbedeutend. Selbst mit dem adulten Hund übe ich gern auf per Futterschleppe hergestellter Kunstfährte, wobei ich zunehmend mit dem Schlepp-Stück lediglich tupfe. Der Hund muss schließlich lernen, nicht allein der kontinuierlichen Duftlinie einer Schleppe zu folgen, sondern sich entlang von „Tupfern“ zu orientieren. Im Übrigen kommt der Welpe wie der adulte Hund bei entsprechender Vorbildung mit der Umstellung auf andere Fährten-Legearten problemlos zurecht. Entscheidend ist vielmehr, dass der Hund über die Ausbildung mit dem Anlegen des Schweißriemens und meinem Zuspruch „verwundt“ die anstehende Aufgabe der Riemenarbeit vollends verinnerlicht hat.

Die Legetechnik selbst ist im Grunde von nachgeordneter Bedeutung. Wichtiger ist die Schweißverteilung nach Menge und Abstand, worauf unterschiedliche Legetechniken allerdings Einfluss nehmen. Die Spritzflasche ist einfach und relativ sauber zu handhaben, wobei das Medium (Schweiß oder Blut) flüssig sein muss. Mit der Tropfflasche, deren Dichtungsring entfernt ist und an der die Austrittsmenge mit dem Daumen am Patentverschluss reguliert werden kann, lassen sich auch gröbere Teile (Gerinnung, . . .) ausbringen. Mit dem Tupf-Stock bin ich sehr unabhängig von der Materialkonsistenz und zudem in der Lage, die Dosierung vor allem im Hinblick auf Kleinstmengen je Entfernungseinheit zu kontrollieren. Mit einem Gewebestück (Lunge, Pansen, … etc.) habe ich die Möglichkeiten zu schleppen und zu tupfen. Der Fährtenschuh spielt im Rahmen der Legetechnik insbesondere im Bezug auf Hochwild-Nachsuchen eine gewichtige Rolle. Nach eigenen Vergleichen tut sich der Hund auf der Fährtenschuh-Fährte leichter als auf einer mit wenig Schweiß getupften Fährte.

Vor allem im Hinblick auf Rehwild-Nachsuchen (>60 % der Schalenwildstrecke!), wo dem Hund für die Orientierung kaum Bodenverwundung zur Verfügung steht, ziehe ich die getupfte Fährte vor. Der Fährtenschuh wird meines Erachtens hinsichtlich seiner Ausbildungsrelevanz für die Nachsuchen-Praxis vielfach überbewertet.


Der Hund reagiert deutlich auf die innere Befindlichkeit des Führers. © Uwe Tabel

Der Hund reagiert deutlich auf die innere Befindlichkeit des Führers.

Besondere Teilaspekte

Bei keiner Arbeit mit dem Hund spielt meine mentale Situation, meine innere Befindlichkeit eine so herausragende Rolle wie bei der Riemenarbeit. Der Hund hat die untrügliche Gabe, meine innere Befindlichkeit ganz schnell zu interpretieren. Dabei hilft ihm einmal sein besonderes Vermögen, Körpersprachen zu erkennen. Zum anderen ist ihm angesichts seines für den Menschen unvorstellbaren Riechvermögens die Wahrnehmung meiner innersekretorischen Vorgänge möglich. Je nach innerer Befindlichkeit kommt eine spezielle, von mir nicht kontrollierte Körpersprache und Innersekretion zum Ausdruck. Das wird vom Hund wahrgenommen – und übernommen, weil er im wahren Sinne des Wortes via Schweißriemen zwangsläufig innerhalb der ca. 10m an mich gebunden ist. Er kann mir nicht weiter ausweichen!

Auch wenn ich mich nach außen hin um Ruhe bemühe, vermag ich meinem Hund gegenüber vorhandenen Unmut, Ärger, gar Wut oder Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit nicht zu verbergen. Der Hund wird dann derart verunsichert, so dass unsere Gemeinsamkeit in dieser Situation zusammenbricht. Das ist vielfach der Grund, weshalb auch in der Prüfungspraxis Gespanne scheitern, primär nicht am Hund, sondern am Führer. Demgegenüber wirken meine Selbstsicherheit, mein (beherrschter) Vorwärtsdrang, mein Durchhaltewille, meine Konzentration, meine Zuversicht und mentale Gelassenheit stimulierend auf den Hund, so dass wir gute Chancen haben, zum Stück zu kommen. Dieses Zusammenhanges muss sich der Führer insbesondere bei der Riemenarbeit immer bewusst sein, sich stets um Selbstbeherrschung bemühen und positive Stimmung pflegen.


Übungsfährte

Fährtenschuh-Paar mit Schwarzwildschale.


Die Übungsfährte ist sorgfältig zu kennzeichnen, damit ich meine Riemenführung, das heißt unsere Verständigungsbahn (s. o.) zielgerichtet anwenden sowie lobenden Zuspruch bzw. mahnenden Tadel situationsgerecht und unmittelbar äußern kann. Die Art und Weise der Markierung mag jeder für sich entscheiden, ob mit Zetteln, gelehntem Knüppel, Farbband … etc), das ist einerlei. Wichtig ist hingegen, dass von einem Markierungspunkt aus die Fährte auf gerader Linie von Markierung zu Markierung gelegt wird und mindestens die nächste Kennzeichnung deutlich sichtbar ist. Nur unter diesen Voraussetzungen ist es möglich, ggf. gerecht auf den Hund einzuwirken.

Die Einstimmung des Hundes auf die bevorstehende Riemenarbeit ist gerade für den vielseitig eingesetzten Jagdhund erheblich. Dazu legt der Führer den Hund in Anschuss-Nähe ab, dockt den Riemen ab, legt die Schweißhalsung mit Riemen dem Hund an und wirft letzteren lang aus. Dann begibt er sich zur „Untersuchung“ des Anschusses mit Blickkontakt zum abgelegten Hund. Danach holt er den Hund ab und setzt ihn am Anschuss an. Dieses Vorgehen mag manchem kleinlich erscheinen, erfahrungsgemäß aber erfüllt es seinen Sinn. Der motivierte Hund lernt auf diese Weise die Beherrschung seines Suchdranges bis hin zu mentaler Gelassenheit, was seiner Konzentrationsfähigkeit außerordentlich dienlich ist. Zudem wird er auf den Praxiseinsatz vorbereitet, wo die sachgerechte Anschuss-Untersuchung längere Zeit dauern kann und von besonderer Bedeutung ist.

Vom Anschuss weg soll der Hund zunächst lernen, sich sorgfältig an den Fährtenabgang zu halten und nicht großzügig los zu toben. Deshalb bleibe ich am Anschuss stehen, während der Hund den Abgang sucht, gebe verhalten Riemen und folge erst langsam, wenn er auf Riemenlänge den „roten Faden“ eindeutig aufgenommen hat. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass im Umfeld der Fährte das Geruchskonzert von Ort zu Ort, von Wetter zu Wetter und von Jahreszeit zu Jahreszeit unterschiedlich ist, in dem mein Hund den roten Faden heraus sortieren, heraus riechen soll. Deshalb wird ihm von Ausbildungsbeginn an hier besondere Sorgfalt auferlegt.

Hundeführer mit langem Schweißriemen. © Uwe Tabel

Hundeführer mit langem Schweißriemen.

Schweißriemen immer lang

Der Schweißriemen bleibt bei jeglicher Riemenarbeit immer lang! Die reibungsfreie Kommunikation über den Riemen, über die Verständigungsbahn verträgt keine Schlaufen, weder vor noch hinter den Händen. Die Hände befinden sich irgendwo zwischen dem Hund und dem Riemenende. So kann ich je nach Arbeitsverhalten des Hundes ohne Behinderung vor- bzw. zurückgreifen oder den Riemen durch meine Hände gleiten lassen. Die Beherrschung der Riemenführung ist ein wesentlicher Teil der Führungstechnik. Demgegenüber wirkt es wenig professionell, wenn der Führer im Gelände mit der Entzerrung des Riemens mehr beschäftigt ist als mit der eigentlichen Führung seines Hundes.

Der Riemenspannung zum Hund messe ich bei der Führungstechnik, in Verbindung mit der genannten Verständigungsbahn, eine besondere Bedeutung zu. Über diese führt der Weg, Korrekturen einzubringen, beispielsweise dem Hund die langsamste Gangart oder die sehr enge Orientierung am Fährtenverlauf zu vermitteln. Sobald der Hund den Fährtenverlauf verlässt, bleibe ich umgehend stehen, halte den Riemen fest und gebe bei Korrektur durch den Hund sofort wieder nach. Diese „Sprache“ verinnerlicht der Hund in der Regel sehr schnell. Zudem ist die Riemenspannung in Verbindung mit langsamer Gangart ein sicherer Weg, dem Hund auch das Stehen in der Fährte zu lehren, ein erster Schritt zur Riemenfestigkeit und führt schließlich zur „Verharrmethode“. Auf letztere will ich in diesem Rahmen nicht näher eingehen, wenngleich sie zu einem hervorragenden Verständigungsmittel führt.


Sparsame verbale Kommmunikation

Die Riemenfestigkeit ist ein gewichtiges Ausbildungsziel. Praktisch spielt sie vor allem in dichtem Unterholz, in Jungbeständen oder anderer Unwegsamkeit eine Rolle, wo der Hund beim Bögeln leicht festhängt. Während der Führer den Knoten löst, soll sich der Hund von seiner Zielstrebigkeit nicht ablenken lassen. Der riemenfeste Hund lässt sich in seinem Drang zur Beute nicht beirren.

Die verbale Kommunikation wird sparsam, mit kurzen Äußerungen und möglichst leise sowie allein situationsrelevant geführt. Es ist überhaupt nicht zielführend, wenn der Führer permanent auf den Hund einredet! Einerlei ist natürlich, welche Wortwahl der Führer verwendet, es sollte nur jeweils die gleiche sein und konsequent beibehalten werden. Beispielsweise fordere ich meinen Hund mit „verwundt“ zur Riemenarbeit auf, lobe verhalten mit „so recht“, wenn der Hund die verlorene Fährte wieder findet, sage „vorhin“ bei der Vorsuche, um einen Anschuss oder eine Fährte zu suchen und ich ermahne mit einem kurzen „äh!“ im Falle einer oberflächlichen Arbeitsweise oder beim Verfolgen einer Verleitungsfährte. Für mich wichtig ist die stete Konzentration darauf, mich situationsgerecht zu äußern. Unter anderem wird der Hund nur gelobt, wenn er die Fährte wirklich wieder annimmt, das heißt nasenmäßigen Kontakt zeigt und nicht zufällig auf ihr entlang läuft.


Uwe Tabel Forstdirektor A.D., Verbandsrichter seit 1958, Leiter/Mentor bei diversen Lehrgängen und Seminaren. Autor jagdkynologischer Beiträge in Fachzeitschriften, eigenes Buch „Auf der Schweißfährte“.
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