Verklüftet: Wenn der Bauhund im Fuchsbau bleibt

Nachdem der letzte Meter per Hand gegraben wurde, gelang in diesem Fall der Durchbruch und der verklüfftete Terrier war wieder frei. © Martin Weber
Nachdem der letzte Meter per Hand gegraben wurde, gelang in diesem Fall der Durchbruch und der verklüfftete Terrier war wieder frei.

Jagderleben: Welcher Hund ist als Bauhundretter geeignet?

Manfred Friedrich: Grundsätzlich kann das jeder Hund machen, der in einen Fuchsbau passt. Wichtig ist, dass er in einem Rudel sozialisiert ist. Ich habe z.B. alle meine Hunde über Nacht in einem gemeinsamen Zwingerabteil. Die schlafen zusammen. Bekomme ich einen Welpen, kommt auch der – nach kurzer Bekanntmachung auf neutralem Boden – zu den anderen Hunden. So lernt der Kleine von Anfang an Sozialverhalten und dass man sich unterordnen muss.

Jagderleben: Das heißt, ein Einzelhund taugt nicht dazu?

Manfred Friedrich: Ein Hund, der allein daheim und nicht gewohnt ist, mit anderen Hunden zu jagen, ist dafür nicht geeignet. Die Gefahr, dass es im Bau dann Ärger gibt, ist einfach zu groß.

Jagderleben: Was ist noch Voraus­setzung?

Manfred Friedrich: Gehorsam, Passion und Prägung. Tagsüber laufen meine Hund frei. Auch mit Nachbars Katze klappt das gut. Außerdem kommen junge Hunde mit etwa zehn Wochen zum ersten Mal mit zur Schliefenanlage. Ein Ausgewachsener muss dort dann einen Fuchs vorliegen, und der Kleine will dann schauen, was der Alte da macht. Auch so lernt der Nachwuchs Teamarbeit. Bei der Baujagd kann ich dank dieser Sozialisierung mit zwei Hunden gleichzeitig jagen – die Hunde behindern sich nicht, sondern nehmen Rücksicht. Das steigert meinen Erfolg bei der Baujagd und ist optimal für die Hunderettung.

Terrierrüde „Ben“ zeigt Friedrich die Position der verlorenen Hunde und gräbt sie häufig auch selber frei. © Martin Weber

Terrierrüde „Ben“ zeigt Friedrich die Position der verlorenen Hunde und gräbt sie häufig auch selber frei.

Jagderleben: Bevorzugen Sie Hündinnen oder Rüden?

Manfred Friedrich: Das ist egal. Wichtiger ist die Rudelzusammensetzung. Bei zwei Hunden ist ein Pärchen ideal. Zweite Wahl wären zwei Rüden. Zwei Hündinnen ist meiner Meinung nach das Schlechteste.

Jagderleben: Angenommen, ein Rüde ging verloren. Wählen Sie dann die Hündin als Retterin?

Manfred Friedrich: Welchen Hund ich nehme, entscheidet nicht das Geschlecht, sondern die Situation. Da spielt vor allem das Wesen und Verhalten des anderen Hundes eine Rolle. Ist er zum Beispiel sehr dominant, setze ich einen der Rangniedrigeren ein.

Jagderleben: Wie verstehen Ihre Hunde, wann es um Baujagd und wann es um Hunderettung geht?

Manfred Friedrich: Das erkennen sie am Ablauf. Dieses Wissen geben die alten an die jungen Hunde weiter. Habe ich Waffe und Jagdgewand an und z.B. „Ben“ bekommt den Sender um, weiß er genau, dass wir jetzt Füchse sprengen. Da verhalten sich alle Menschen ruhig. Bei der Hunderettung bleiben die Hunde zuerst im Auto. Es wird sich laut über den Ablauf unterhalten usw. Dann darf „Ben“ raus, bekommt wortlos seinen Sender um und darf sich den Weg alleine suchen. Das Procedere ist so ein ganz anderes. Und das versteht der Hund.

Essentielle Technik: Ohne funktionstüchtiges Ortungsgerät sollte man nicht zur Baujagd gehen. © Martin Weber

Essentielle Technik: Ohne funktionstüchtiges Ortungsgerät sollte man nicht zur Baujagd gehen.

Jagderleben: Ohne Sender wären Sie aufgeschmissen, oder?

Manfred Friedrich: Fast 80 Prozent der Hunde, die ich raushole, tragen keinen Sender. Bei denen, die einen Sender haben, können viele nicht damit umgehen oder haben vergessen, die Batterien zu prüfen. Baujagd ohne Sender sollte meiner Meinung nach überhaupt nicht mehr praktiziert werden.

Jagderleben: Wie läuft so eine Rettung denn nun genau ab?

Manfred Friedrich: Ruft mich jemand an, ist erstmal wichtig, wie lange der Hund schon im Bau ist. Ist er erst seit zwei Stunden verschwunden, warte ich noch. Außer es sind Wasser oder Einstürze mit im Spiel – dann pressiert’s. Am Telefon kläre ich das Grundlegende ab: Welches Wesen hat der Hund? Jagt er viel oder wenig? Wie alt ist er? Ist ein angebleiter Fuchs mit im Bau? Ist es bei der Jagd passiert? Welche Situationen sind da eingetreten? Ist es nass oder trocken? Entscheidend sind Antworten, die nicht vom Hundebesitzer kommen, sondern z.B. vom Mitjäger oder Jagdpächter. Die reden neutraler über den Vierbeiner, die Situation, den Umgang des Besitzers mit dem Hund usw.

Jagderleben: Warum warten Sie?

Manfred Friedrich: Ich fahre erst, wenn ein Hund mindestens fünf oder sechs Stunden weg ist. Oft is es so, dass sich Hunde mit wenig Beschäftigung in so einem Bau richtig austoben. Die nutzen die Freiheit aus.

Jagderleben: Ihr Kommen ist notwendig. Wie geht’s weiter?

Manfred Friedrich: Komme ich an, lasse ich mir die Situation nochmal schildern. Ist es ein Bau mit nur vier oder fünf Eingängen, müssen alle davon wegbleiben. Es darf auch keiner den Hund anreden, anfeuern oder motivieren. Der Hund soll nur mit mir und seiner Nase arbeiten. In unser Team darf sich keiner einmischen. Sollten es aber zehn oder gar 20 Röhren sein, stelle ich zwei oder drei Leute an verschiedene Eingänge. Auch jetzt ist es wichtig, dass sie ruhig sind und den Hund nicht anreden. Wenn das soweit geklärt ist, gehe ich mit „Ben“ zum Bau. Ich schicke ihn dabei nicht, er geht völlig frei. Ich lasse ihn auch einen kurzen Abstecher woandershin machen. Es kann nur ein paar Minuten dauern, bis er mir zeigen kann, wo der Hund ist, aber auch drei Stunden. Schlieft er nicht mehr in den Bau, sondern zwickt die Rute ein, weiß ich, dass der verlorene Hund tot ist.

Bagger-Wald © Martin Weber

Eine Bauhundrettung im Dezember 2015 führte Manfred Friedrich in ein Waldstück im Landkreis Erding (Bayern).

Jagderleben: Sucht sich der Hund explizit eine Röhre aus?

Manfred Friedrich: Es kann sein, dass er mehrere Eingänge probiert. Sobald ich den Eindruck habe, dass er an einer Röhre interessierter ist bzw. zehn Minuten oder mehr ausbleibt, beginne ich ihn mit dem Empfänger zu orten. So kann ich mir Schritt für Schritt ein Bild über den Bau machen. Wie tief ist er? Gibt es mehrere Etagen? Gibt es Steigröhren? Kommt der Hund schnell oder langsam vorwärts? Meine Hunde sind so erzogen, dass sie alle 30 Minuten zurückkommen. Dann schaue ich sie mir genau an: Ist er nass? Hat er Sand im Gebiss? Ist der Hund ruhig? Hat er bereits gegraben? Bekomme ich Rückschlüsse auf die Bodenbeschaffenheit? Hat er leichte Schrammen, die auf steinigen Boden hinweisen? Das ist wichtig für spätere Entscheidungen.

Jagderleben: Und so liefert der Hund ein Bild, wie es unter der Erde aussieht.

Manfred Friedrich: Genau. Jetzt kann es sein, dass sich der Hund eine andere Röhre suchen will. Das darf er und soll er – er muss überzeugt sein, dass das der richtige Weg ist. Wenn er sich nun nur noch ganz langsam im Bau bewegt, weiß ich, dass er nach dem anderen Hund gräbt.

Jagderleben: Läuft er dann nicht Gefahr, sich selbst einzugraben?

Manfred Friedrich: Keiner meiner Hunde hat sich bislang eingegraben. Ich betreibe sehr viel Baujagd. So sammeln die Hunde Erfahrung. Außerdem habe ich einen jungen stets mit einem alten zusammen, damit er sich was abschauen kann.

Jagderleben: Wie lange dauert es, bis ein Hund eingearbeitet ist?

Manfred Friedrich: Ich fange mit der Arbeit am Bau schon an, bevor die Hunde ein Jahr werden. Meine kleine Hündin hatte in ihrem ersten Lebensjahr schon 15 Einsätze am Naturbau und war bereits bei 20 Hunde­rettungen dabei. Das geht aber nur, weil sie mit einem anderen Hund gemeinsam jagt. So lernt sie Zusammenarbeit, Teamarbeit und dass man auch mal zurückstecken muss.

Jagderleben: Sind Dachsbaue eine zusätzliche Gefahr?

Manfred Friedrich: Meine Hunde lernen von Anfang an, dass Dachse nicht interessant sind. Es wird auch kein Dachs vor einem meiner Hunde geschossen. So kapieren schon die jungen, dass es Erfolg nur beim Fuchs gibt. Da sich Dachse nur verteidigen, aber nicht offensiv Hunde angehen, hat ein Hund, der sich nicht um den Dachs kümmert, auch keine Prob­leme. Und, dass Dachse Hunde eingraben, stimmt so nicht. Der Hund gräbt sich immer selber ein, da er die vom Dachs entgegengegrabene Erde wegbuddeln will, aber nie dessen Geschwindigkeit erreicht. Irgendwann ist dann vorne und hinten dicht. Meist trifft das vorsichtige oder wenig jagderfahrene Hunde. Einem Hund mit ensprechender Schärfe passiert das nicht, weil Grimbart ihm nie das Hinterteil zurecken wird.

Manfred Friedrich (r.) nach geglückter Rettung eines Deutschen Jagdterriers im Landkreis Erding. © Martin Weber

Manfred Friedrich (r.) nach geglückter Rettung eines Deutschen Jagdterriers im Landkreis Erding.

Jagderleben: Zurück zur Hunderettung: Ihr Hund gräbt sich zum verlorenen Hund vor. Wie geht’s weiter?

Manfred Friedrich: Wenn mein Hund nahe dran ist, versuche ich ihn abzunehmen und lasse einen anderen ran. Der soll mir den Eindruck des ersten bestätigen. Jetzt kann es passieren, dass, während wir oben zu graben beginnen, die Hunde von sich aus herauskommen, da meiner den Verunfallten freibekommen hat.

Jagderleben: Wenn der Verunfallte nicht rauskommt, muss man graben?

Manfred Friedrich: Ja. Das ist freilich eine folgenreiche Entscheidung. Aber dank des Ortungsgeräts und des Verhaltens meines Hundes kann ich die Stelle meist genau bestimmen. Wichtig ist natürlich, jetzt für Standsicherheit zu sorgen. Gerade Quarzsand ist sehr gefährlich. Den letzten Meter mache ich gerne von Hand. Es kommt da auf den Bodentyp und dessen Zustand an.

Jagderleben: Welches Werkzeug braucht man?

Manfred Friedrich: Kreuzhacke, je eine Schaufel mit kurzem und langem Stiel und gerippte Baustahlstangen ohne Spitze in verschiedenen Stärken. Der Einschlag sollte stets zwischen Hund und Fuchs oder oberhalb des Hundes sein.

Jagderleben: Sie erzählten mir auch, dass viele Hunde erst außerhalb des Baus kollabieren.

Manfred Friedrich: Habe ich den Hund draußen, kontrolliere ich sofort die Farbe der Lefzen und der Augen, um Anhalte über die Körpertemperatur zu bekommen. Ich habe auch stets ein Thermometer dabei. 39 °C sind normal, ab 32 wird’s gefährlich. Ist ein Hund stark unterkühlt, ist es wichtig, dass er nicht in Decken gewickelt und/ oder abgeliebelt wird. Das packt sein Kreislauf nicht. Ist das der Fall, den Hund nicht anreden, ihn ruhig in den Kofferraum legen und in die Klinik fahren.

Manfred Friedrich (r.) freut sich mit dem Herrchen des geretteten Terriers. © Martin Weber

Manfred Friedrich (r.) freut sich mit dem Herrchen des geretteten Terriers.

Jagderleben: Was kann so einem Hund noch fehlen?

Manfred Friedrich: Dehydration und überschnelle Unterkühlung durch Nässe sind auch ein Prob­lem. Gerade Kanalsysteme sind häufig gefährlicher als Naturbaue. Das bedenken viele nicht.

Jagderleben: Worin liegt die Gefahr bei Kanälen genau?

Manfred Friedrich: Wirklich gefährlich ist es, wenn im System auch Schächte verbaut sind. Der Fuchs kennt und überspringt die. Der Hund geht nach, muss aber durch den Schacht durch. Oft kommt er nicht mehr raus, steht im Wasser oder muss sogar schwimmen. Ähnlich ist es bei einzelnen Röhren mit Steigung. Vor allem in Moorbauen steht da gerne Wasser drin mit nur wenigen Zentimetern Luft darüber.

Jagderleben: Sie haben mir auch erzählt, dass Spannungen meist dann auftreten, wenn Retter und Geretteter draußen sind. Warum?

Manfred Friedrich: Ich vermute, dass sich da eine Menge Stress entlädt. Ich habe auch schon erlebt, dass ein geretteter Hund bewusst sein eigenes Herrl gebissen hat. Ist wohl eine Übersprungshandlung.

Jagderleben: Was war Ihr bislang extremstes Erlebnis?

Manfred Friedrich: Eine Aktion bei Erding war aufgrund der Tiefe und des Quarzsands nicht ohne. Die meisten Hunde hole ich zwischen zwei und vier Metern Tiefe. Das waren aber 6,50 Meter. Zu Beginn war er sogar auf neun Metern. Das Schönste ist immer, wenn ich schon am Hingehen sagen kann, dass mein Hund den ver­schwundenen Bauhund wittert und wir den höchstwahr­scheinlich heil rausbekommen werden.

Jagderleben: Dass Sie kommen müssen, hat immer einen Grund: Was sind die größten und gängigsten Fehler bei der Baujagd?

Manfred Friedrich: Bei 79 Prozent meiner Einsätze hatten die Hunde ­keinen Sender um. Dazu kommt noch, dass die Senderakkus nicht geladen waren oder die Leute mit den Gerätschaften nicht umgehen können. Auch verhalten sich viele falsch bei der ­Baujagd: Wer mit dem Hund an der Leine an die Röhre tritt und den Hund loslässt, sobald er zu ziehen beginnt, schafft sich selber und dem Hund Schwierigkeiten. Außerdem fehlt es ­vielen Hunden an Kondition, Einarbeitung und damit Teamfähigkeit. Wenn ich Bau jagen gehe, geht niemand an den Bau hin. Wir stellen den weiträumiger ab und der Hund sucht sich seinen Weg selbst. Mit Disziplin der Jäger wird die Jagd effizienter und sicherer.

 

Die Fragen stellte Martin Weber


Martin Weber Crossmedia-Redakteur der dlv-Jagdmedien, verantwortet das Magazin "Bergjagd". Hat Forstwissenschaften an der TU München und Wildtierökologie an der BOKU Wien studiert.
Crossmedia-Redakteur der dlv-Jagdmedien, verantwortet das Magazin "Bergjagd". Hat Forstwissenschaften an der TU München und Wildtierökologie an der BOKU Wien studiert.