„Sitz sagen und Platz meinen“ – nonverbalen Kommunikation

Kleiner Münsterländer und Wachtelhund.


Wer kennt sie nicht die Signale „Zeigefinger hoch – Hund setzt sich“, „flache Hand bewegt sich zum Boden – Hund legt sich“, „Hand unter den Fang – Hund gibt aus“ usw. usw. Zwar ist es korrekt, dass der Hundeführer nichts sagt und ein erwünschtes Verhalten des Hundes bekommt – also offensichtlich ohne Sprache kommuniziert.

Die Anweisungen in Zeichensprache entsprechen in diesen Fällen bestimmten Worten und sind nicht die nonverbale Kommunikation, um die es hier geht und die so entscheidend ist für den Umgang zwischen Mensch und Hund. Deutlich wird dies, wenn man umgekehrte Beispiele nimmt, heißt, man hebt den Zeigefinger und das erwünschte Verhalten „Sitzen“ wird nicht vom Hund durchgeführt oder man bewegt die flache Hand zum Boden und der Hund macht es eben einfach nicht.

Warum passiert dieser Ungehorsam gegenüber konditioniertem, also oftmals eingeübtem Verhalten? Wieso passiert es immer wieder, dass Hunde nicht in der gewünschten Art auf Anweisungen gleich welcher Art reagieren, auch bei konditioniertem, also oftmals eingeübtem, Verhalten, obwohl das sonst sehr gut funktioniert? Das hängt damit zusammen, dass Hunde sehr genau die Situation erkennen, in der sie konditioniertes Verhalten tatsächlich zeigen müssen, und zwar überaus genau! Ist der Besitzer abgelenkt oder meint es nicht so ernst, reagieren Hunde in dem Moment nicht auf das erwünschte Verhalten.

Wer kennt es nicht, man telefoniert oder ist mit irgendetwas anderem beschäftigt und schon macht der Hund Blödsinn, klaut die Wurst vom Teller, zerrt an der Leine wie verrückt oder Ähnliches – eben das was man nicht will. Was hier geschieht, ist die eigentliche nonverbale Kommunikation, heißt der Hund spiegelt uns in der jeweiligen Situation sehr genau.

Aufmerksames Sitzen, aber war das jetzt die Aufgabe? © Dr. Helga Adolph

Aufmerksames Sitzen, aber war das jetzt die Aufgabe?

Der Hund spiegelt die Befindlichkeiten

So kann es sehr leicht geschehen, dass in bestimmten Situationen einfach nicht gehorcht wird, obwohl man es gefühlte 1.000 mal vorher mit allen für Hunde tollen (Leckerle, Spiel nach erwünschtem Verhalten usw.) Mitteln geübt, also konditioniert hat. Diese – ich will sie mal Probleme der nonverbalen Kommunikation nennen – kennen wir vor allem bei Prüfungen. Wir haben geübt und geübt, den Hund mit den unterschiedlichsten Situationen vertraut gemacht, um seine Reaktion zu festigen – und trotzdem klappt es beim Prüfungstag mit der Kommunikation zwischen Hundeführer und Hund nicht so wie man es gewohnt ist.

Was dabei geschieht ist aus dem Blickwinkel der nonverbalen Kommunikation recht einfach zu erklären: Der Hund zeigt in dieser Situation nicht, was er kann, orientiert sich nicht an den konditionierten Befehlen und Hörzeichen, sondern spiegelt unsere Befindlichkeiten wie Stress und Gefühle – vor allem Angst vorm Versagen - wieder. Die nonverbale Kommunikation beschäftigt sich genau mit diesen Bereichen, die wir vorher nicht bewusst antrainiert haben, ja eigentlich auch nicht konnten, denn Prüfungsstress ist schwer zu trainieren, denn er ist einfach am Tag der Prüfung da. Theoretisch wird angenommen, dass der Mensch an solchen Prüfungstagen verstärkt Gerüche absondert (Buttersäure), die der Hund sehr aufmerksam wahrnimmt, als unnormal empfindet und deshalb auch oftmals mit Fehlverhalten reagiert. Wie oft hört man bei solchem Fehlverhalten die Aussage: „Das hat er noch nie gemacht!“.

Die Sinne des Hundes

Erstes nonverbales Verständnis zwischen Welpe und Besitzer.


Jeder Hund hat die Fähigkeit, wie der Mensch auch, die Welt mit mehreren Sinnen wahrzunehmen.

Diese sind:

Taktil – das ist der Tastsinn der Hunde. Bespiel: Ohne etwas zu sagen, drückt man ihn an der Kruppe runter, belohnt anschließend das gewünschte Setzen, dann weiß der Hund, das der taktile Druck auf die Kruppe „Sitz“ bedeutet. Oder man kann den Hund auch streicheln, wenn er etwas richtig getan hat, bedeutet für ihn „streicheln, positive Zuwendung, ich habe etwas richtig gemacht“. Bedeutet aber auch, er springt aufs Sofa „ man streichelt ihn“, wird sofort umgesetzt in „das habe ich richtig gemacht“. Der Hund fordert taktile Einheiten oft ein, indem er kommt, sich an unsere Beine drückt zur Aufmerksamkeitslenkung („Ich bin auch noch da“), denn er hat gelernt, dass er nun gestreichelt wird.

Akustisch – das ist der Hörsinn der Hunde. Dieser Sinn ist selbsterklärend, wird oftmals kombiniert mit den anderen Sinnen. Vom Hund ausgehende akustische Kommunikation wie Bellen, Knurren, Winseln, Jaulen hat bestimmt Bedeutungen. Beim Jagdhund ist das Bellen eine sehr wichtige Kommunikationsform, zeigt sie uns doch an, dass er eine Fährte arbeitet oder Wild stellt oder totes Wild gefunden hat. Im häuslichen Zusammenhang wird das Bellen oftmals störend empfunden, es sei denn er vertreibt durch sein Bellen Einbrecher.

Optisch – Das ist der Sinn, den Eindruck, den die Augen vermitteln, zu verstehen und umzusetzen. Der optische Sinn ist sehr wichtig zwischen Hundeführer und Hund und der Mensch sollte immer durch seine Gebärden glaubhaft wirken. Der optische Sinn wird in der Kommunikation oftmals unterstützt durch den akustischen und den taktilen Sinn.

Überzeugung – das sollte ich jetzt machen! © Dr. Helga Adolph

Überzeugung – das sollte ich jetzt machen!

So sprechen, dass der Hund einen versteht

Gustatorisch – Hunde können auch über den Geschmack kommunizieren. Heißt, der Hundeführer setzt z.B. besondere außergewöhnliche Leckerle ein, um Hundeverhalten positiv zu verstärken. Mir sind nicht wenige Hundeführer bekannt, die das Einarbeiten auf der Schweißfährte über ganz besondere kulinarische Genüsse für den Hund (Thunfisch, leckerstes Fleisch) gestalten. Der Hund verknüpft gustatorische Genüsse dann mit einer spezifischen Arbeit (z.B. Schweißfährte arbeiten), die von ihm verlangt wird, bevor er in den kulinarischen Genuss von Thunfisch kommt. Nicht selten wird die Thunfischdose dem Hund vor der Schweißfährte gezeigt – offen versteht sich wegen des Geruchs – und der Hund versteht, dass er nun die Schweißfährte zu arbeiten hat.

Olfaktorisch – Jeder weiß, dass der Hund über den Geruch die Welt sehen kann. Ganz anders wie wir hat der Hund hier außergewöhnliche Fähigkeiten und dieser Sinn hilft ihm kilometerlange Spuren zu verfolgen, so wie wir es auch gerade bei den Jagdhunden haben wollen. So kann der Hund auch sehr genau riechen, ob sein Herrchen/Frauchen Stress hat oder nicht. Diese fünf Kommunikationsmittel werden als analoge Kommunikation bezeichnet.

Digitale Signale sind dagegen nur in der Welt der Menschen verbreitet, sie vermitteln nicht Eindrücke sondern konkrete Inhalte. So beinhalten Worte für den Menschen eine inhaltliche Bedeutung, für Tiere sind sie hingegen nur ein Klangbild. Ähnlich sind für den Menschen fremde Sprachen, hier können wir einem Gespräch auch nur die analogen Informationen, z.B. den Tonfall oder die Gebärden („mit Händen und Füßen reden“, entnehmen, die digitale Kommunikation, die Bedeutung der Worte erschließt sich uns nicht.

Wenn wir uns also auf die Ebene der Hunde begeben, müssen wir analog mit ihnen kommunizieren, also so mit ihnen „sprechen“, dass sie uns genau verstehen können. Das ist nicht über die Wortbedeutung möglich, sondern nur über die Summe der Signale, die wir aussenden. Idealerweise sind das klare, einfache Signale, die möglichst mehrere der oben aufgezeigten Sinne des Hundes ansprechen und sie auch nutzen. Wir sollten uns also in die Kommunikationswege des Hundes hinein versetzen, das ist die Voraussetzung für das Verständnis zwischen Mensch und Hund. Das ist nonverbale Kommunikation.

Literatur

Wilkening, Friedrich & Krist, Horst (2002). Entwicklung der Wahrnehmung und Psychomotorik. In Oerter & Montada (Hrsg:). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz Ziemer-Falke, Kristina (2017). Nonverbale Kommunikation. Mehr als einfach nur die Klappe halten. In Wuff 9/2017 Ziemer-Falke, Kristina (2017). Klassische und instrumentelle Konditionierung. In Wuff 10/2017