Schalenwild abfangen: Der Umgang mit der kalten Waffe


„Den scharfen Stahl, hart hinters Blatt mit raschem Stoß den Watz setzt matt“. So beschreibt Oberforstmeister Rudolf Frieß (1881-1965) in dem Gedicht „Hatz Watz!“, aus dem dem gleichnamigen Buch, das Abfangen von Schwarzwild. Doch hat das, was vor vielen Jahren richtig und gelebte Praxis war, auch heute noch Gültigkeit? Ist das Abfangen von Schalenwild mit kalter Waffe ein Anachronismus, ja vielleicht sogar ein Verstoß gegen geltendes Recht? Wer kann eigentlich abfangen, und dürfen wir es überhaupt?

Szenenwechsel: Winter, Drückjagd, das Treiben läuft. Im Oberhang eines Buchenaltholzes wechselt ein Schmalreh einen Schützen langsam ziehend an. Immer wieder sichert es zurück und ortet den verfolgenden, fährtenlauten Hund. Als es dann endlich breit steht, lässt der Schütze fliegen. Doch die Kugel verfehlt das Blatt.

Minuten der Ewigkeit

In so einer Situation ist Eile geboten, doch das Abfangmesser wird erst aus der Scheide gezogen, wenn man sich unmittelbar am Stück befindet.


Mit einem hohen Vorderlaufschuss stürmt das Stück hangabwärts und ist in einem der zahlreichen Verjüngungskegel verschwunden. Es dauert nicht lange, da erscheint auch der jagende Hund. Als er den Anschuss findet, untersucht er diesen interessiert, greift kurz im Fährtenverlauf zurück und verfolgt mit jauchzendem Laut die Fährte. Gespannte Aufmerksamkeit auf Seiten des Schützens. Der Laut des jagenden Hundes entfernt sich immer weiter. Erst eine gefühlte Ewigkeit später schlägt der Fährtenlaut in den gellenden Sichtlaut um. Der Jagdhund hat das beschossene Stück aus dem Wundbett aufgemüdet und hetzt es.

Ein Nachbarschütze beobachtet alles. Er sieht das kranke Stück anwechseln und hört den jagenden Hund. An einen Schuss ist nicht zu denken – kein Kugelfang! Schnell hat die braune Hündin das kranke Reh eingeholt, greift es am Träger und vollendet das, was menschliches Unvermögen angerichtet hat. Das Stück klagt. Keine 150 Meter entfernt vernimmt auch der Hundeführer den Laut, als plötzlich ein Schuss fällt und Sekundenbruchteile später ein Hund erbärmlich aufklagt. Im Laufschritt eilt der Hundeführer herbei. Am Hund angekommen, erkennt er schnell, was passiert ist. Der Vorderlauf der Hündin baumelt blutend und unkontrolliert.

Der Hundeführer drückt den vom Hund gebundenen Überläuferkeiler zu Boden, hält sich mit der linken Hand fest und drückt den Fänger mit der Rechten hinter dem Blatt in den Brustraum. © Karl Walch

Der Hundeführer drückt den vom Hund gebundenen Überläuferkeiler zu Boden, hält sich mit der linken Hand fest und drückt den Fänger mit der Rechten hinter dem Blatt in den Brustraum.

Was ist passiert? Als die Hündin das kranke Schmalreh griff, hörten zwei nicht weit weg davon stöbernde Hunde das Klagen des Stücks. Nichts wie hin! Doch bei einem Reh ist kein Platz für drei Hunde am Träger, und so zogen die beiden am Hinterlauf des Stücks. Kein schöner Anblick für den Schützen, der kurzentschlossen den Stand verlässt, zum Stück eilt, dort die Kurzwaffe zieht und auf das Reh schießt. Tragisch, dass er nicht das Reh, sondern den Hund trifft. Kurzer Wortwechsel am Ort des Geschehens. Die Worte des Hundeführers sind klar, deutlich und erstaunlich sachlich. Er ringt sichtlich um Fassung. Das verbotene Verlassen des Standes erscheint angesichts der Ereignisse nur wenige Hinweise wert.

Keine Stunde später liegt die Hündin auf dem Operationstisch. Der Gasdruck der Waffe hat das rechte Auge des Hundes zerstört. Der Vorderlauf ist kurz oberhalb des Vorderfußwurzelgelenks durchschossen und eine „Trümmerlandschaft“. In einer fast vierstündigen Operation „baut“ der Tierarzt alles zusammen. Ob man den Hund jemals wieder jagdlich einsetzen kann? Keine Garantie. Monate gehen ins Land. Tierarztbesuche, Verbandswechsel, Bewegungsübungen. Die Hündin läuft wieder, das räumliche Sehen ist für immer zerstört.

Verlerntes Handwerk in der heutigen Zeit

So nicht! Denn beim Abfangen von Kahlwild stellen vor allem die Schalen eine Gefahr für den Jäger dar, daher besser von der Rückenseite ans Stück herantreten.


Und was hat nun das Ganze mit Rudolf Frieß und den großen Kynologen der Vergangenheit zu tun? Viel, sehr viel! Mehr und mehr geht uns in der Gegenwart jagdpraktisches Können und das Wissen um das Jagen mit Hunden verloren. Perfekte Ausrüstung und eine zunehmende „Spezialisierung“ der Jagdteilnehmer in Schütze, Hundeführer, Treiber, Bergungs- und Aufbrechtrupp, Nachsuchenführer, Ansteller und nicht zu vergessen den Verpflegungstross haben den „Jäger“ ersetzt. So ist auch das Wissen um das sachgerechte Töten von Wild mit kalter Waffe, das richtige Verhalten des Jägers am von Hunden gestellten Wild und vieles andere mehr in Vergessenheit geraten. Jagen ist einfach mehr, als die handwerkliche Fähigkeit, eine Knopfzelle an der Beleuchtungseinheit seines Zielfernrohres wechseln zu können!

Es sind nicht nur die Begebenheiten anlässlich von Bewegungsjagden. Es gibt viele Situationen, in denen sich der Gebrauch der Schußwaffe verbietet, und es gibt Momente, in denen man das Leiden des Wildes nur durch den Einsatz kalter Waffen schnellstmöglich beenden kann. Dann nämlich, wenn man keine Schußwaffe zur Verfügung hat. Auch das gibt’s.

Was sind das für Situationen?

Ein rasches Eingreifen ist oft nötig, ansonsten riskiert man die Gesundheit des Hundes.


Immer dann, wenn ein Hund am Wild hängt, ganz egal ob an Rehwild, Damwild oder Schwarzwild, verbietet sich der Einsatz einer Schusswaffe. Unkontrollierbare Geschossteile, der Gasdruck im Mündungsbereich und nicht zuletzt der Knall gefährden den am Stück arbeitenden Jagdhund.

Hilft beim stellenden Hund das Warten auf den richtigen Moment der Schussabgabe, um das Stück zu erlegen, ohne den Hund zu gefährden, so hilft beim fassenden Hund nur das beherzte Eingreifen des Hundeführers, um die Sache schnellstmöglich, tierschutzkonform und mit möglichst minimiertem Risiko zu beenden. Beides, der Fangschuss am gestellten Stück als auch das Abfangen des von Hunden gestellten Stücks, ist dabei ausnahmslos eine Sache des Hundeführers. Nur er kennt das Verhalten des oder der arbeitenden Jagdhunde und nur er kann das Risiko richtig einschätzen. Der Hundeführer trägt die Verantwortung!

Nicht anders schaut es aus, wenn der Jäger unvorhergesehenerweise mit schwerkrankem Wild konfrontiert wird und in diesem Moment keine Schusswaffe zur Hand hat. Auch in einem solchen Fall bleibt in letzter Konsequenz nur das Abfangen mit der kalter Waffe, wenn man das Leiden des Wildes schleunigst beenden will.

Falsch: Die Einstichstelle bei diesem Reh aus einem Verkehrsunfall ist viel zu hoch angesetzt. Drei Stiche sind zudem völlig unnötig. © Karl Walch

Falsch: Die Einstichstelle bei diesem Reh aus einem Verkehrsunfall ist viel zu hoch angesetzt. Drei Stiche sind zudem völlig unnötig.

Wie fängt man richtig und sicher ab?

Immer, wo möglich, von hinten an das Stück herantreten, bzw. beim liegenden Stück vom Rücken aus. Auch der Eigenschutz spielt eine Rolle. Erst wenn der Hundeführer das Stück mit den Beinen oder bei schwächeren, auf der Seite liegenden Stücken mit dem Knie fixiert hat, wird das Abfangmesser aus der Scheide gezogen.

In diesem Zusammenhang ist es nicht unwesentlich, das Messer nach jedem Gebrauch von Nadelstreu und Schweiß zu reinigen. Dreckig in die Lederscheide zurückgeschoben, ist es oft wie „einbetoniert“ und fast nicht herauszubekommen.

 

Einmal fixiert, wird die Klingenspitze hinter dem rechten Schulterblatt angesetzt und die breite Klinge mit Druck zwischen den Rippen nach schräg, links-unten geführt. Durch die folgenden Auf- und Abwärtsbewegungen der Klinge klafft der Schnitt zwischen den Rippen weit auf. Herz, Lunge und viele Gefäße sind sekundenschnell zerstört, Luft dringt in den Brustkorb ein, das Stück verendet blitzartig. Die Klinge verbleibt, gehalten vom Abfangenden, solange im Brustraum, bis die letzten Lebensgeister gewichen sind. Sicher ist sicher!

Korrekt: Der Schnitt wurde an der richtigen Stelle hinter dem Blatt weit genug geöffnet, um so ein schnelles Verenden des Stückes zu gewährleisten. © Karl Walch

Korrekt: Der Schnitt wurde an der richtigen Stelle hinter dem Blatt weit genug geöffnet, um so ein schnelles Verenden des Stückes zu gewährleisten.

Entsprechende Vorsicht ist bei schwachen Stücken und überdimensionierten Klingen geboten. Wer hier nicht aufpasst, kann auf der gegenüberliegenden Körperseite mit der austretenden Messerspitze nicht nur sich selbst, sondern auch am Wild hängende Hunde schwer verletzen.

Was sich einfach anhört, braucht Übung. Fertigkeit die ausnahmslos(!) am verendeten Stück erworben wird. Der geschilderte sogenannte „Blattfang“ ist nur eine von mehreren Möglichkeiten des Abfangens.

Neben diesem gibt es noch den „Kälberfang“ und das „Abnicken“, Letzteres im Jagdbetrieb nahezu ausnahmslos beim Rehwild. Praktiziert wird heute fast ausschließlich der beschriebene Blattfang.

Das sogenannte „Abnicken“ wird mit schlanker, spitzer Klingenform zwischen Kopf und erstem Halswirbel durchgeführt. Diese Methode bedarf eines besonders hohen Maßes an handwerklicher Übung und wird nur noch selten angewandt. Gleichwohl führt sie, richtig durchgeführt, zum schnellen Verenden des Wildes.

Wie schaut’s denn rechtlich aus?

Das Abfangen ist nicht verboten, ist aber nach dem neueren Verfassungsrang des Tierschutzes (Artikel 20a GG) nicht mehr tierschutzgerecht, wenn es sich dabei nicht um die einzige Möglichkeit handelt, dem Tier Leiden oder Schmerzen zu ersparen. Zumindest ist diese Tötungsalternative nicht anzuwenden, wenn es sich um eine Person handelt, die hierbei nur unsicher agieren kann. Ergo: Treiber ohne Jagdschein oder anderweitigen Sachkundenachweis (z.B. Tierärzte) dürfen dies grundsätzlich nicht praktizieren.

Das heißt für uns im Klartext: Dort wo der Fangschuss ohne Gefahr für das Umfeld (Hunde, Menschen) möglich ist, ist ihm immer der Vorzug zu geben. Dort wo dies nicht gefahrenlos möglich ist, bleibt uns nur das Abfangen mit blanker Waffe.


Karl Walch Leiter einer privaten Forstverwaltung, Chefredakteur „Der Jagdgebrauchshund“, Präsident des Jagdgebrauchshundverbandes (JGHV), seit 1984 DL-Züchter (Zwinger „Solojäger’s ...“)
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