Jagdgebrauchshunde bei Drückjagden: Was sie wirklich leisten


Winterliche Drückjagden auf Schalenwild und mit ihnen der Einsatz von Jagdgebrauchshunden zum Stöbern sind schon lange nicht mehr wegzudenken. Genauso normal ist es für uns mittlerweile, unsere vierbeinigen Jagdbegleiter mit GPS-Sendern auszustatten, um sie im Zweifelsfall nach der Jagd wiederzufinden oder ihnen während des Treibens zur Hilfe zu kommen. Dass diese GPS-Sender weit mehr können, als uns „nur“ wieder mit unseren Hunden zu vereinen, habe ich mir im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit zu Nutze gemacht. Auf Grundlage der Daten, die mir diese Geräte geliefert haben, bin ich der Frage nachgegangen, was Wachtel, Bracken, Terrier und Co. tatsächlich während einer Drückjagd leisten und was sich daraus für die Jagdorganisation und den Hundeeinsatz ableiten lässt.

Wie weit sie laufen und wie schnell Sie sind


Dazu begleitete ich in den Jagdjahren 2013/ 14 und 2014/ 15 sieben Drückjagden, um diese auszuwerten. Insgesamt rüstete ich dafür 114 der 154 eingesetzten Hunde, von denen fast alle vom Stand geschnallt wurden, mit GPS-Halsbändern aus. Zusätzlich verteilte ich an die 475 Schützen Standkarten, um deren Beobachtungen während des Treibens zu dokumentieren. Mit den daraus gewonnenen Zahlen und einigen weiteren Daten zu den Hunden und Revieren kam ich zu den folgenden Ergebnissen beziehungsweise Erkenntnissen.

Die einzelnen Hunde legten bei einer durchschnittlichen Trieblänge von etwas über 2,5 Stunden bei den sieben Jagden  im Schnitt 17 Kilometer zurück. Dabei lag die durchschnittliche Geschwindigkeit der Vierbeiner bei 6,39 km/ h. Die höchste zurückgelegte Strecke eines Hundes während einer der Jagden betrug 31,8 Kilometer in 2,5 Stunden, die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei exakt 12,0 km/ h.

Um zu erkennen, wie diese Werte im Verlauf einer Jagd zustande kommen und sich verändern, habe ich die Jagden in Abschnitte von jeweils 15 Minuten unterteilt. So wurde es auch einfacher, Treiben mit zwei, 2,5 beziehungsweise drei Stunden Länge miteinander zu vergleichen. Es ergab sich daraus ein relativ einheitliches Bild im Bezug auf die Laufstrecke und die Geschwindigkeit der Hunde während der Stöberjagden.

Im Schnitt legten die eingesetzten Stöberer in den ersten 15 Minuten des Treibens bereits 2,39 Kilometer zurück, nach zwei Stunden sank dieser Wert auf weniger als die Hälfte und nahm daraufhin noch weiter ab (siehe Grafik 1). Die durchschnittliche Laufstrecke lag in 15 Minuten bei etwa 1,55 Kilometern. Die weiteste Distanz innerhalb einer Viertelstunde legte ein Hund mit 4,5 Kilometer zurück – damit blieb er allerdings die absolute Ausnahme.

Ein sehr ähnliches Bild ergab sich beim Blick auf die Geschwindigkeit im zeitlichen Verlauf (siehe Grafik 2). Lag die durchschnittliche Geschwindigkeit über die ganze Jagd wie bereits erwähnt bei 6,39 km/ h, betrug sie im Vergleich dazu in den ersten 15 Minuten 7,45 km/ h. In den zweiten 15 Minuten der Jagden lag sie sogar bei 8,42 km/ h. Eine mögliche Ursache könnte sein, dass zu diesem Zeitpunkt die Orientierungsphase abgeschlossen ist und die meisten Hunde bereits Wild gefunden haben und jagen. Zudem wird der eine oder andere Hund nicht exakt zu Triebbeginn geschnallt, sondern zum Teil erst ein paar Minuten später.

Grafik 1: Durchschnittliche Laufleistung eines Hundes im Verlauf einer Jagd


Nach 135 Minuten sind die eingesetzten Vierbeiner dann nur noch halb so schnell, wie sie es am Anfang waren. Dies kann zum einen als Indiz dafür gewertet werden, dass sie müde geworden sind, zum anderen dafür, dass sie weniger unmittelbar an Wild jagen. Beide Erkenntnisse lassen die Frage aufkommen, ob es sinnvoll ist, ein Treiben auf drei oder mehr Stunden anzulegen. Denn wie sinnvoll ist es, mit müden Hunden zu jagen beziehungsweise solchen, die kein Wild mehr auf die Läufe bringen?

Mit der Müdigkeit einhergehend ist ein erhöhtes Verletzungsrisiko für die vierläufigen Jagdbegleiter zu erwarten. Sollten sie beispielsweise zum Ende des Treibens an wehrhaftes  Schwarzwild geraten, kann mangelnde Reaktionsschnelligkeit über Leben und Tod entscheiden. Denn besonders diese Situationen sind es, die Hunden ein hohes Maß an Schnelligkeit und Aufmerksamkeit abverlangen.

Grafik 2: Durchschnittliche Geschwindigkeit eines Hundes im Verlauf einer Jagd.


Ein Blick auf die Raumabdeckung der Hunde bestätigt das Bild, das sich aus der Auswertung der Laufstrecke und der Geschwindigkeit ergibt. Hierzu stellte ich die Laufrouten der Hunde auf einer Karte im zeitlichen Verlauf dar. Es zeigte sich, dass die Hunde die Jagdfläche bereits nach der ersten Stunde fast vollständig durchkämmt hatten. Im weiteren Verlauf nimmt die Raum­abdeckung dann deutlich ab. Häufig kam es auch erst zu einem späteren Zeitpunkt des Treibens dazu, dass Hunde überjagten.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko, wenn man in der Nähe von Straßen jagt. Dass es sinnvoll ist, Schützen, die ihren Jagdbegleiter vom Stand schnallen, weit abseits von Straßen anzustellen, belegten mehrere Jagden. Nur selten passierte es, dass Hunde überhaupt in deren Nähe kamen, wenn die Jagdleiter die Stände entsprechend ausgewählt hatten.

Gelegentliche Ruhepausen für vom Stand geschnallte Hunde sind gerade bei längeren Treiben wichtig.


Auch die Auswertung der Stand­karten, bei denen die Schützen neben Anläufen von Wild und Abschüssen die Sichtung von jagenden Hunden dokumentieren sollten, war eindeutig. Bei im Schnitt 96 Wildsichtungen pro Jagdtag – wobei das Anwechseln mehrerer Stücke jeweils als eine Sichtung gewertet wurde – standen nach Auswertung der Standkarten über 70 Prozent in direktem Zusammenhang mit jagenden Hunden. Ein beinahe identisches Bild ergibt sich bei den Erlegungen. Demnach sind über 64 Prozent der Abschüsse auf die direkte Einwirkung eines Hundes zurückzuführen.

Die Dokumentation durch die Schützen gab außerdem Auskunft darüber, wie viel Prozent der Hunde mit Laut hinter Wild gejagt haben – im Schnitt 93,7 Prozent. Eine Erkenntnis, die gerade dann wichtig ist, wenn es darum geht, zu zeigen, dass die Drückjagd im Bezug auf den Hundeeinsatz eine tierschutzkonforme Art des Jagens ist. Denn Hetzjagd ist in Deutschland verboten, und die Arbeit mit stummjagenden Hunden würde diesem Tatbestand zumindest sehr nahe kommen.

Langes Ausharren wird nicht Belohnt

Grafik 3: Prozentuale Verteilung der Aktivitäten im Verlauf einer Jagd.


Auch bei den Standkarten war es, durch die Angabe der Schützen, wann sie was gesehen haben, möglich, die Daten in einem zeitlichen Verlauf darzustellen. Zur besseren Veranschaulichung habe ich hier ebenfalls auf die viertelstündige Taktung der Jagd zurückgegriffen (siehe Grafik 3). Dadurch ließ sich das allseits bekannte Phänomen einer Drückjagd – „anfängliches Sperrfeuer und später Totenstille“ – mit Fakten belegen. Denn in den ersten 15 Minuten der Jagden fanden zwischen 18,6 und 26,1 Prozent aller von den Schützen dokumentierten Aktivitäten statt – im Mittel 22,1 Prozent. In der zweiten Viertelstunde sind es durchschnittlich noch 14,7 Prozent. Doch bereits nach 1,5 Stunden Treiben fällt der prozentuale Anteil der Gesamt­aktivitäten in den einzelnen Zeitabschnitten dauerhaft unter den Mittelwert von acht Prozent.

In der letzten Stunde eines dreistündigen Treibens fanden insgesamt nur noch 8,8 Prozent der durchschnittlich 110 Aktivitäten (davon 96 Wildsichtungen) statt. Berücksichtigt man dann, dass es bei 96 Wildsichtungen im Schnitt zu 15 Erlegungen von einem oder mehreren Stücken Wild kam, ergibt das zirka 1,3 Erlegungen in der letzten Stunde eines Treibens von drei Stunden. Zum Vergleich: 58,5 Prozent der Aktivitäten sind bei den untersuchten Jagden bereits nach der ersten Stunde gelaufen. Selbstverständlich sollte man dabei aber individuelle Revier- und Geländeverhältnisse, die Witterung, schwankende Wilddichten, die Möglichkeit des Einsatzes von durchgehenden Hundeführern und vieles mehr im Hinterkopf behalten.

GPS-Geräte zeigen uns nicht nur, wo unser Hund ist, sie liefern auch viele weitere spannende Daten.


Zusammenfassung: Unsere Hunde sind neben versierten und guten Schützen, die das Wild letztendlich zur Strecke bringen, der Garant dafür, dass eine Drückjagd erfolgreich wird. Dass fast zwei Drittel aller Erlegungen bei den untersuchten Jagden in direkten Zusammenhang mit dem Einsatz von Hunden gebracht werden können, sollte Beweis genug sein. Allerdings müssen wir uns darüber Gedanken machen, ob es sinnvoll ist, Treiben von drei oder gar vier Stunden Länge abzuhalten. Die gesammelten Daten zeigen klar, dass die Leistungsfähigkeit der Hunde im Verlauf einer Jagd deutlich abnimmt. Dies kann eindeutig nicht nur auf sinkende Wildbestände während des Treibens zurückgeführt werden.

Das bereits angesprochene Verletzungs­risiko für Hunde zum Ende eines langen Treibens sollte uns die Verkürzung der Jagdzeit auf jeden Fall wert sein. Denn auch wir Menschen haben neben den Hunden irgendwann mit aufkommender Müdigkeit beziehungsweise nachlassender Aufmerksamkeit zu kämpfen. Nicht ohne Grund werden Schulstunden auf 45 Minuten und Vorlesungen an Universitäten auf 90 Minuten angelegt. Unsere Aufmerksamkeitsspanne hält keine drei Stunden. Die Folge ist, dass die sich bietenden Gelegenheiten für Abschüsse nicht genutzt werden oder im Zweifelsfall schlechte Schüsse angetragen werden.

So verändert sich die Raumabdeckung aller Hunde bei einer Jagd (Zeitintervall 30 min)

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten. © Google Earth/ RW

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten.

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten. © Google Earth/ RW

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten.

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten. © Google Earth/ RW

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten.

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten. © Google Earth/ RW

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten.

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten. © Google Earth/ RW

Die Laufrouten aller Hunde bei einer Jagd in einem Zeitintervall von 30 Minuten.

Auch aus ökonomischer Sicht stellt sich die Frage, ob es tatsächlich sinnvoll ist, eine Stunde länger zu jagen, nur um am Ende des Tages zwei Stück Wild mehr auf die Strecke zu legen. Besonders wenn es darum geht, die ein oder andere Nachsuche zu organisieren, sind diese Minuten später Gold wert. Denn dadurch wird es möglich, ein Stück direkt im Anschluss an die Jagd nachzusuchen und so vielleicht noch einer Verwertung zuzuführen. Kann es aufgrund einbrechender Dunkelheit erst am nächsten Tag gesucht werden, muss es häufig verworfen werden.

Darüber hinaus besteht bei langen Treiben die Gefahr, dass die Wildbretqualität leidet. Wird zum Beispiel eine halbe Stunde vor Beginn der Jagd ein Stück waidwund getroffen, liegt es bei einer dreistündigen Jagd zum Teil vier Stunden, bis es versorgt wird. Dieses Fleisch dann beim Endkunden als „besser als Bio“ zu bewerben, schadet dem Image eines so hochwertigen Lebensmittels gewaltig. Kürzere Treiben gewährleisten eine schnellere Weiterverarbeitung und so eine bessere Wildbretqualität.

Meine Empfehlung für die Jagdpraxis

All diese Erkenntnisse lassen mich zu folgenden Rückschlüssen kommen: Es empfiehlt sich, mit einigen wenigen guten Schützen und Hunden gezielt Einstände aufzusuchen und diese in kurzen Treiben zu bejagen. Kurz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht länger als 1,5 Stunden. Die Schützen sollten dabei auch auf den bekannten Fernwechseln abgestellt werden und nicht alle in unmittelbarer Nähe zum Treiben. In der Nähe der Einstände werden die Hundeführer platziert, um ihre Vierbeiner von dort ins Treiben zu schicken.

Diese Art des Jagens entspricht am ehesten dem, was unsere vierbeinigen Jagdbegleiter ohne größere Probleme leisten können. Auch uns kommt das entgegen, da wir durch kürzere Treiben deutlich flexibler bei der Organisation einer Jagd werden und gleichzeitig deutlich effektiver, was die Ausbeute anbelangt. Allerdings erfordert die Umsetzung einer solchen Jagd sehr gute Revierkenntnisse, sonst passiert es schnell, dass die Rotte oder das Rudel unbeschossen entkommt.

Eine waidgerechte und gesetzeskonforme Jagdausübung ist ohne brauchbare Jagdhunde nicht möglich. Dennoch sind immer weniger Jäger bereit, einen Jagdhund zu führen.


Sich ausschließlich auf diese kürzeren Treiben zu beschränken, wird dennoch schwer. Besonders in Zeiten, in denen man größere Waldgebiete sinnvollerweise revierübergreifend bejagt oder die örtlichen Gegebenheiten ein anderes Vorgehen unumgänglich machen. Aufbrechpausen haben sich allerdings nicht bewährt. Denn umherliegende Aufbrüche erschweren das Nachsuchen, und nicht jeder Jäger kann im Gelände sauber aufbrechen, von der Organisation und dem Abtransport aus dem Wald ganz abgesehen. Bleibt deshalb nur eins: Kürzere Treiben zum Wohle von Wild, Wildbret, Hunden und Jägern! Und natürlich müssen die Hundeführer auf ausgesuchte Hundeführerstände – sonst bleibt der Erfolg aus!


Rasso Walch Der studierte Förster stammt aus einer traditionellen Jägerfamilie und hat seine Jägerprüfung bereits im Alter von 14 Jahren abgelegt.
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