Deutsch Drahthaar: Wie Vorstehhunde ihr Einsatzgebiet erweitern

Deutsch-Drahthaar-Portrait © Eike Mross
Ein Deutsch-Drahthaar-Rüde ist nicht nur durch den Bart eine imposante Erscheinung

Zweige peitschen, Äste brechen, als Stephan Mohnke in vollem Lauf durch den Wald rennt. Der Laut seiner Hunde hat ihn alarmiert. Sauen! Tief und aggressiv dringt der Laut aus der Dickung. In einem eingewachsenen Kulturzaun haben die Hunde eine kranke Sau gebunden. Küstentannen und Brombeeren haben über die Jahre einen dichten Einstand geschaffen. Als die Hunde dorthin vordringen, spritzen die Schwarzkittel aus den Löchern im Zaun. Einer der Schützen beschießt einen Frischling, der in einem Bogen wieder in den Zaun wechselt.

„Para“, Stephans erfahrene Deutsch-­Drahthaar-Hündin, hat sofort die Schweißfährte angenommen und den Schwarzkittel im Wundbett gestellt. Ihr Laut ruft den kräftigen Rüden „Axus“ auf den Plan. Wenn er mit seinen 40 kg eine Sau festhält, dann geht die keinen Meter mehr. Als Stephan am Bail ankommt, haben sich noch weitere Hunde hinzugesellt. Mit routinierten Griffen fängt der Hundeführer den etwa 45 kg schweren Frischling ab. Die erste Sau des Tages liegt!

Sau-Jagdhunde © Eike Mross

In Aktion: Die kranke Sau wird von den Hunden gehalten.

Drahthaar-Zucht über die Landesgrenzen hinaus bekannt

Drahthaar züchtet Stephan seit 2011. Sein Zwinger „vom Gördensee“ ist weit über die Landesgrenzen Brandenburgs bekannt. Von Anfang an war ihm klar, dass seine Hunde nicht nur am Niederwild arbeiten werden. Die wildreiche Region ist besonders im Herbst und Winter geprägt von Bewegungsjagden auf Rotwild und Sauen. Eine gesunde Wildschärfe und ausdauerndes Jagen gehören für ihn zu den Grundeigenschaften eines brauchbaren Hundes. Da Stephan mit seinen Hunden lieber durchgeht, jagen sie meist nicht weit. Im Umkreis von etwa 400 m durchstöbern sie das Unterholz. „Nur bei krankem Wild bleiben sie länger dran. Da kann es schon mal passieren, dass ich ein paar Kilometer laufen muss. Aber so sollen sie auch arbeiten“, erklärt er.

Mittlerweile ist der 38-jährige „Mohni“, wie ihn seine Jagdfreunde nennen, Mitglied in der Stöberhundgruppe „Die Sauhunde“. Der wilde Haufen passionierter Rüdemänner bestreitet bis zu 25 Drückjagden gemeinsam. Einige führen Hunde aus Stephans Zwinger, aber auch Terrier und Kurzhaar jagen mit. „Es ist immer klasse, die Hunde aus meinem Zwinger bei der Jagd zu sehen und ihre Entwicklung mitzuverfolgen“, sagt Stephan lächelnd und zieht die erlegte Sau zum Wegesrand. Dort reihen sich Treiber und Hundeführer wieder auf und drücken die nächste Dickung durch.

Um seine Deutsch Drahthaar zu schützen, stattete der Hundeführer seine Jagdgefährten mit Schlagschutzwesten aus. © Eike Mross

Um seine Deutsch Drahthaar zu schützen, stattete der Hundeführer seine Jagdgefährten mit Schlagschutzwesten aus.

Sauenschutzweste ist ein Muss

Ohne zu zögern springt „Axus“ in die Brombeeren. Die grelle Schlagschutzweste schützt ihn auch dabei. „Ohne Weste lasse ich meine Hunde nicht mehr los. Sie arbeiten hart an den Sauen, da kann ich auf den Schutz nicht verzichten“, erzählt der Brandenburger. Dabei setzt er auf maßgeschneiderte Sauenschutz­westen der Firma Mikut. „Wir sind auf so vielen Drückjagden, da müssen die Westen perfekt passen“, sagt Stephan. Die großen Vorsteher arbeiten auf der Bewegungsjagd anders als Stöberhunde. Sie jagen das Wild eher an, als ihm spurlaut über viele Kilometer zu folgen. Auch in Sachen Laut hat der DD-Verein die Zeichen der Zeit erkannt. Jetzt bekommen nur noch Hunde den Eintrag „Aus Form und Leistung” auf der Ahnentafel, deren ­Eltern einen Lautnachweis auf einer vom JGHV anerkannten Prüfung gezeigt haben. Rüden, die Spurlaut jagen, werden zur Zucht genutzt.

Das zweite Treiben findet in einem Bruch statt. Durch den Sturm ist das Gelände noch unzugänglicher, als es durch das Wasser ohnehin schon ist. In dem Erlen- und Eschen-Wäldchen finden sich immer wieder kleine Schilflöcher, in denen die Sauen gerne liegen. Nur mühsam kommen die Treiber voran. Dicke umgebrochene Eschen blockieren den Weg. Besonders für so unwegsames Gelände mit Wasser und Schilf sind die hochläufigen Jagdhunde wie geschaffen.

Jagdhund-Strecke-Horn © Eike Mross

Auch am Streckenplatz sind die Hunde mit dabei, denn sie haben die Arbeit gemacht.

Da ertönt Hundelaut, kurz darauf knallt es. Ein Überläufertrupp wollte sich im Schilf drücken, doch die drahtigen Jungs haben sie gefunden und auf die Läufe gebracht. Viele Sauen steckten heute nicht im Treiben. Deswegen wollen die Jäger noch ein paar Feldgehölze durchdrücken. Der Winter hat viele Gräben zum Überlaufen gebracht, und so haben Hund und Führer immer wieder mit dem Umgehen tiefer Stellen zu tun. Plötzlich steht „Para“ wie vom Blitz getroffen vor. Ein ungewöhnlicher Anblick während einer Bewegungsjagd! Stephan kommt näher und entdeckt im niedrigen Schwarzdorngebüsch einen Nutria. Er winkt Jagdkollege Markus mit seiner Flinte herbei. „Du wolltest doch unbedingt noch einen Nutria schießen. Hier ist einer“, flüstert Stephan ihm zu. Markus visiert den Nager an und gibt ihm eine volle Breitseite 3-mm-Schrote. Getroffen springt der Nutria ein Stück in die Luft und liegt dann auf dem Rücken. „Waidmannsheil, Markus“, ruft Pächter Thomas beim Näherkommen.

Drahthaar-Fuchs © Eike Mross

Die „Universalwaffe“ Drahthaar leistet auch auf Drückjagd gute Dienste.

Unverhofft kommt wie immer oft

Bei den Drückerchen in den neuen Bundesländern ist es keine Seltenheit, dass die Schützen einen Drilling oder eine Flinte führen, denn Raubwild wird immer mitbejagt. Als Stephan sich aus dem Schwarzdorn kämpft und den Graben durchquert, sind seine Hunde ausnahmsweise mal nicht bei ihm. Er schaut auf sein Tracker, um festzustellen, wo sie stecken, da ruft ihm der nächstgelegene Schütze zu, ein erlegter Fuchs läge wenige Meter weiter auf dem Acker und ob er ihn mitnehmen könne. „Immer wenn man die Hunde braucht, sind sie nicht da“, sagt Mohni scherzhaft und macht sich auf den Weg. Andauernd ruft er seine Vierbeiner. „Die Alte ist auf den Rückweg, aber ,Axus‘ ist noch fast einen Kilometer weit weg“, sagt er mit einem Blick aufs GPS.

Plötzlich steht der vermeintlich tote Fuchs vor ihm auf und geht mit wehender Lunte ab. Völlig verdutzt hat Stephan keine Zeit, die Büchse von der Schulter zu nehmen. Aus dem Augenwinkel sieht er seine Hündin näher kommen. Mit einem scharfen „Such voran!“ schickt er sie hinter den kranken Fuchs her. Mit tiefer Nase arbeitet „Para“ die Spur. Stephan folgt ihr, so schnell er kann. Kurz hört er den Laut des Hundes, dann ist Ruh. Als Stephan in der Hecke ankommt, hat sein Hund die Lage schon geklärt. In solchen Fällen ist ein Drahthaar als „Universalwaffe“ Gold wert...

Eike Mross