05.02.2014

Kein Hasenfuß

Um in den eisigen Einständen des Hochgebirges zu überleben, braucht es Mut und entsprechende Anpassungen. Alpenschneehühner verfügen über die perfekte Strategie für ihren extremen Lebensraum - solange der sich nicht ändert!

Am liebsten sitzen Schneehähne an Felsgraten und Geländekanten.
Schiffbrüchige stellt man sich meistens auf einer heißen Insel mit Palmenstrand vor weit gefehlt. Auch in den hochalpinen Revieren Bayerns oder Österreichs leben solche Insulaner. Seit der letzten Eiszeit sitzen die Schneehühner in den Hochgebirgen Europas fest. Sie sind Spezialisten für die kalten Tundren jenseits der Baumgrenze an den Rändern zum ewigen Eis. Doch mit den abschmelzenden Gletschern zog es die Alpenschneehühner hinauf in die Berggebiete. In den Alpen und den Pyrenäen haben sie auf diese Weise überlebt wie auf Inseln im Wärmemeer von Wäldern. Ihre Verwandten dagegen leben in den Kältesteppen rund um die Arktis, von Kanada über Skandinavien bis Sibirien.

In den Alpen lebt der 'stumme Hasenfuß' so die Übersetzung seines wissenschaftlichen Namens in den extremen Lebensräumen oberhalb der Waldgrenze. Bis auf mehr als 3500 Meter über Meereshöhe können sie sich aufhalten, zwischen Latschen- und Erlenbüschen, auf alpinen Rasen und in Geröllflächen im Sommer etwas höher, im Winter etwas tiefer. Hauptsache, es wird nicht zu warm. Ab 10 ° C wird es ihnen heiß, bei 15 ° C flüchten sie in schattige, kühlere Einstände. Die kleinen Hühnervögel ihre Flügelspannweite beträgt knapp einen halben Meter, ihr Gewicht rund 500 bis 700 Gramm passen ihr Äußeres drei- bis viermal an ihre alpine Umgebung an. Denn ihr Lebensmotto heißt 'nur keine Experimente'. Sie sind in Körperbau und Verhalten auf strengstes Energiesparen ausgerichtet. Ihr Gefieder erspart ihnen aufwendige Fluchtmanöver, die vor allem im extremen Bergwinter zu viel Kräfte verbrauchen. Meist sind Schneehühner perfekt getarnt: Im Winter verschmelzen die weißen Vögel mit ihrer Umgebung. Im Frühjahr und Herbst sind sie 'gescheckt' wie die ausapernden Hänge. Im Sommer tragen sie unauffällige Bodenfarben. Die Auslöser und Taktgeber für die Mauser sind jeweils Tageslänge und Temperatur. Außerdem passen sie auch ihre Einstände perfekt an, immer einem inneren Energieberater folgend. Im Winter verschwinden sie oft in selbst gegrabenen, wärmenden Schneehöhlen. Nur die plötzlich im Nichts endenden Spuren verraten sie manchmal.

Hochgratige Einstände

Tagsüber wählen Alpenschneehühner gerne ihre Aufenthaltsorte an Graten und entlang von Felsrippen. Den Hals, Stingel genannt, kurz gestreckt, und schon haben sie den vollen Überblick. Den Kopf wieder eingezogen, und sie sind vor den Blicken eines Steinadlers oder schneidenden Winden geschützt. Die breiten, dicht bis an den Zehenrand befiederten Ständer lassen sie zwar nicht leichtfüßig, aber sehr effizient über den Schnee marschieren, ohne einzusinken. Fliegen kommt nur infrage, wenn es unbedingt sein muss. Und spannen sich dann Kabel von Skiliften oder Stromleitungen entlang von Hangkanten, wird ihnen das oft zum Verhängnis, denn sie orientieren sich an Geländekanten, die sie dicht überfliegen, wenn sie zwischen ihren Einständen wechseln. Von Sommer- zu Winterlebensraum oder bei Wetterumschwüngen können sie einige Dutzend Kilometer zurücklegen. Jetzt wird aber auch das ökonomische Schneehuhn übermütig. Es ist Balzzeit am Berg. Die Schneehähne haben Hochzeitstracht angelegt: Schneeweiß mit einem roten 'Lidschatten', schwarzem Zügelstreif und Stoßbinde. Der Hahn schwingt sich im Balzflug hoch und lässt sich unter knarrenden Rufen wieder nach unten gleiten. Damit betört er aber nicht nur die Hennen. Die auffälligen Balzflüge zeigen Rivalen, dass sie sich von seinem Revier fernhalten sollen. Der schlichte Knarr-Gesang ist zwar nicht sehr melodisch, aber auf den windigen Hochflächen weit zu hören, bis zu einem Kilometer. Schon im Herbst haben die starken Hähne ihre Reviere besetzt. Jetzt im Frühjahr kehren sie schnell dahin zurück und verlassen die Stände nicht mehr. Besonders intensiv rufen sie in der Morgendämmerung, ab halb vier wird es in den Balzrevieren lebendig. Im April kommen auch die Hennen in diese Reviere und schauen und hören sich interessiert die Balzflüge an. Gute Aussichtswarten und Rufplätze sind in den kargen Höhen rar und werden Jahr für Jahr wieder genutzt. Margit Zohmann vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien hat die Frühjahrsbalz der Schneehühner in den österreichischen Alpen genauer untersucht. Dabei hat sie herausgefunden, was ein Schneehahn für seine erfolgreiche Balz braucht. Auf jeden Fall orientiert er sich an Geländekanten und Felsgraten, sobald er sie mit gefächertem Stoß und lautem 'Knarren' überfliegt. Auch auf dem Boden tanzt der Hahn ähnlich einem Spielhahn mit gespreizten Flügeln und erregt vorgestrecktem Kopf. Jetzt kommen auch die roten aufgeschwollenen Rosen über den Augen voll zur Geltung. Ein Eindringling wird vom territorialen Hahn energisch verfolgt. Nur Abstreichen oder Demutsgesten beenden einen Kampf. Junge Hähne sind meist gezwungen, in neue Gebiete abzuwandern als mobile Reserve, wenn ein Revier eines der alten 'Platz-Hähne' frei werden sollte. Wer ein ungünstiges Balzrevier verteidigt, ohne passende Brutplätze, schafft es in der Regel nicht, eine Henne für sich zu interessieren. Die allerbesten Reviere bieten Überblick nach allen Seiten, sind von vielen Graten, Kanten und vielen Felsen durchzogen und bieten dem Besitzer viele strategische Aussichtspunkte.

Schnelle Brüter

Mitte Mai bis Mitte Juni richten Henne und Hahn jetzt im schlichten Brutkleid ein bescheidenes Bodennest zwischen Steinen oder in flachen Bodenmulden aus. Die Henne legt darin fünf bis neun dunkel gefleckte Eier und beginnt zu brüten. Nach rund drei Wochen schlüpfen die Jungen und marschieren mit der Mutter auf Nahrungssuche. In den ersten Wochen sind sie auf Insekten angewiesen. Dann gewöhnen sie sich auch an Erwachsenenkost: Samen, Latschentriebe, Knospen und Beeren. Der Hahn beteiligt sich zwar nicht direkt an der Familienarbeit, wacht aber ständig in der Nähe des Nests. Erst wenn die Jungen im Alter von etwa zehn Tagen flugfähig werden, schließt er sich wieder dem Gesperre an.

Unsichere Zukunft

Weltweit wird die Zahl der Schneehühner auf rund acht Millionen Vögel geschätzt. Die Besätze der 'Insel-Alpenschneehühner' scheinen heute in vielen Alpenländern stabil. Nur in der Schweiz werden seit 20 Jahren immer weniger Schneehühner gezählt. Das mag am vorbildlichen Monitoringsystem der Eidgenossen liegen. Denn auch international wird die Art als 'abnehmend' eingestuft, aber noch nicht als 'gefährdet'. Ob die Erschließung neuer Skigebiete in den Alpen oder die zunehmende Schafbeweidung in den Hochlagen, das alles vernichtet alte Schneehuhnlebensräume. Dazu kommt die unbekannte Bedrohung durch die Klimaerwärmung. Wenn sich die Vegetationszeiten verschieben, schlüpfen dann die Jungen noch rechtzeitig, um genügend Insekten zu erbeuten? Wenn die Waldgrenze nach oben steigt, wird der Lebensraum zu eng? Und passt das Tarngefieder noch, wenn im Frühjahr und Herbst weniger Schnee liegt? Auf viele dieser Fragen wissen wir noch keine oder kaum Antworten.

In den Schweizer Alpen wurden mittlerweile Habitatmodelle ausgearbeitet, um einige der kritischen Faktoren aus der aktuellen Verteilung der Hühner herauszurechnen und -zukitzeln. Ob sich in einem bestimmten Revier die Art wohlfühlt, hängt davon ab, wie viel an Graten, Felsrippen und beliebten Schneehuhn-Ecken es zu bieten hat. Doch auf größerer Fläche entscheiden vor allem die bioklimatischen Eckdaten, ob der Lebensraum Schneehuhntauglich ist. Im pessimistischsten Szenario würden als Folge des Klimawandels Schneehuhnhabitate um fast die Hälfte schrumpfen. Die Art wird praktisch nach oben geschoben, um mehr als 300 Höhenmeter nach den Berechnungen der Wissenschaftler. Doch irgendwann sind auch die höchsten Berge zu Ende, und für die Schneehühner wird es eng. Aber selbst wenn die klimatischen Änderungen weniger drastisch sind, kann auch die Änderung der Landnutzung und der Vegetationszusammensetzung die Schneehuhnbesätze negativ beeinflussen.
Dr. Christine Miller



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