17.12.2008
'Scharf' und kinderlieb?
Weihnachten ist das Familienfest. Muss der Jagdhund jetzt ausgeschlossen werden, 'verdirbt' und verwirrt es ihn, wenn die Kinder im Überschwang der Gefühle mit ihm toben und schmusen? Bernd Krewer nimmt zu diesem 'heißen Eisen' Stellung.
Die wesensfeste DK-Hündin genießt das Spiel mit 'ihren' Kindern - alle haben den Umgang miteinander gelernt.
(Foto: Katharina Passberger)
'Schärfe
= Angriffslust und Kampfbereitschaft von Hunden' - so steht es im
BLV-Jagdlexikon. Unter dem Stichwort 'Wildschärfe' wird auf die
Erläuterung des Begriffs 'Schärfe' verwiesen und keine spezielle
Interpretation angeboten. Scharfe - wildscharfe - Jagdhunde brauchen
wir für viele jagdliche Einsatzbereiche, vor allem für die Nachsuchen
auf krankes Schalenwild, aber auch für die Bodenjagd und den Einsatz
bei Bewegungsjagden auf Schwarzwild. Meistens ist die geforderte
Schärfe mit einem stabilen Wesen verbunden, aber eben nicht immer. Es
gibt Hunde, die Schärfe vortäuschen, deren Basis aber nichts weiter ist
als Angst. Für diese Spezies wurde der Begriff 'Angstbeißer' erfunden. Meist ist die Anlage zur Schärfe ererbt. Wächst der Hund in einem Zwinger auf und hat nur einmal am Tag beim Füttern und beim Reinigen des Zwingers Kontakt zum Menschen, dann wird er gewiss keine positiven Kontakte zu seinem Führer und dessen Familie aufbauen können. Einen solchen Hund später mit kleinen Kindern zusammenzubringen, die natürlich nicht immer konsequent mit ihm umgehen, ist ein großes Risiko.
Pascha passt auf!
Ganz
anders sieht es aus, wenn ein von seinen Anlagen her durchaus
'scharfer', aber absolut wesensstabiler Hund in der Familie aufwächst.
Wenn die Kinder respektieren, dass auch der Hund einen Rückzugsplatz
hat, an dem er nicht gestört und dass er beim Fressen ebenfalls nicht
belästigt werden sollte, dann braucht man sich um die körperliche
Unversehrtheit der Kinder sicher keine Sorgen zu machen.
Wir hatten einmal einen sehr wild- und verteidigungsscharfen, aber
absolut wesensfesten Hannoverschen Schweißhundrüden 'Pascha' genannt, in dessen Lebenszeit unsere drei Kinder geboren
wurden. Ihnen gegenüber war 'Pascha' auch nicht andeutungsweise
aggressiv. Nur wenn sich 'Fremde' (zu denen auch die nähere
Verwandtschaft gehörte) allzu hektisch und lautstark mit den Kindern
beschäftigen wollten, dann drängte er sich schon mal leise grollend
dazwischen und machte unmissverständlich klar, dass die Kinder seine
Schutzbefohlenen waren und er ein solches 'Theater' überhaupt nicht
schätzte. Waren die Kinder im 'Laufställchen' im Vorgarten, legte sich
der Rüde unaufgefordert davor. Wir hatten es verschiedentlich
ausprobiert - näher als etwa zehn Meter durfte sich kein Fremder dem
Kind nähern. Dann stand er langsam und steifbeinig auf und grollte wie
ein Löwe bei Hagenbeck.Unsere älteste Tochter, gleich alt wie dieser Rüde, verkleidete sich einmal an Karneval als Rotkäppchen und ging mit 'Pascha' als Wolf spazieren. Sie krallte sich an der Halsung fest, die genau in ihrer Augenhöhe war, und marschierte los. Wir hatten keine Sorge um unsere Tochter, wohl aber die Befürchtung, dass 'Pascha' es missverstehen könnte, wenn einer der Nachbarn unsere Ulrike freundlich auf den Arm nehmen wollte.
Sinnlos scharf
Das
genaue Gegenteil erlebten wir mit einem Jagdterrier. Ich hatte diesen
Rüden im Alter von etwa einem dreiviertel Jahr übernommen - er hatte
bis dahin noch kein Haus von innen gesehen. 'Alf zwo' biss alles, was
ihm nicht passte: andere Hunde, natürlich auch Sauen und alles ohne
jede Rücksicht auf das eigene Leben. Unser zweijähriger Enkel wohnte
damals bei uns. An einem Sonntagvormittag joggte unsere Tochter mit
eben diesem 'Alf zwo' über die Felder und ihr begegnete eine Frau mit
einem Schäferhund. Dem wollte nun der Jagdterrier an den Kragen, er
tobte an der Leine wie ein Verrückter. Als er merkte, dass er dabei zu
keinem Erfolgserlebnis kommen konnte, drehte er sich blitzschnell um
und biss seine Führerin so in die Beine, dass diese im Krankenhaus
genäht werden musste.
Nun war uns klar, dass hier eine nicht kalkulierbare Zeitbombe tickte, vor allem für unseren Enkel, und trennten uns von diesem Hund.
Vielleicht wäre es mit diesem Terrier anders verlaufen, wenn er in engem menschlichen Kontakt, vor allem auch mit Kindern, aufgewachsen wäre.
Es ist eben sehr wichtig und auch später nicht mehr nachzuholen, wenn man in der Prägephase des Hundes versäumt hat, ihn mit allen denkbaren Lebenssituationen zu konfrontieren.
Nun war uns klar, dass hier eine nicht kalkulierbare Zeitbombe tickte, vor allem für unseren Enkel, und trennten uns von diesem Hund.
Vielleicht wäre es mit diesem Terrier anders verlaufen, wenn er in engem menschlichen Kontakt, vor allem auch mit Kindern, aufgewachsen wäre.
Es ist eben sehr wichtig und auch später nicht mehr nachzuholen, wenn man in der Prägephase des Hundes versäumt hat, ihn mit allen denkbaren Lebenssituationen zu konfrontieren.
Kinderkontakt
Dazu
gehört aber auch, dass man den jungen (Jagd-)Hund nicht den Kindern
als reines Spielobjekt überlässt. Kinder sind selten oder nie
konsequent, ich sagte es schon. Wenn der Führer seinem Hund
unerwünschte Verhaltensweisen 'verunannehmlicht' und der Hund genau das
bei den Kindern ungestraft tun darf, überfordert man dessen
Auffassungsvermögen. Gewöhnen an Kinder - auch gelegentliches Spielen
mit ihnen - ja, aber nur unter Aufsicht. Dann - und nur dann - ist
sichergestellt, dass es keine Probleme zwischen Hund und Kindern geben
wird.
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