20.09.2009
Niederwildhege im Schalenwildrevier ist machbar
Für viele Schalenwildjäger ist die Niederwildhege kein Thema. Oft heißt es: Dafür haben wir keine Zeit, der Abschussplan lässt keinen Spielraum, die Wildschadensgefahr sitzt uns im Nacken. Das trifft in einigen Revieren zu, in anderen ist es nur eine Ausrede. Das Niederwildhege im Hochwildrevier erfolgreich möglich ist, erlebte uJ in einem Jagdbezirk Mecklenburg-Vorpommerns.
Eigentlich, so sollte man denken, sind die fünf Pächter in
der Gemarkung Lindenberg, Landkreis Demmin, voll mit der Bejagung des Schalenwildes
ausgelas-tet. Neben dem im Fokus der jagdlichen Bewirtschaftung stehenden
Damwild ziehen in dem 1200 Hektar Hochwildrevier auch Rot-, Reh und Schwarzwild
ihre Fährten. Eine Strecke von jährlich um die 110 Stück Schalenwild muss erst
einmal geschafft werden.
Über 1500 Stück Raubwild Umso erstaunlicher sind die
Bemühungen und Anstrengungen der Lindenberger Jäger, die sie für die
Niederwildhege aufwenden. Eine Raubwildstrecke von 1542 Stück in den
vergangenen 17 Jahren und Hecken- und Uferbepflanzungen in
Kilometer-Dimensionen bezeugen den immensen Kraft- und Zeitaufwand.
In seiner pommerschen Bescheidenheit hält Arno Kurth, der
Sprecher der Pächtergemeinschaft des Hochwildreviers, nichts vom Rausch der
großen Zahlen. 'Unser Standpunkt? Ganz einfach: Die Bemühungen zur
Niederwildhege nützen auch dem Schalenwild, insbesondere dem Dam- und Rehwild.
Allerdings, auch das muss gesagt werden: Niederwildhege in einem
Schalenwildrevier macht nur Sinn, wenn die entsprechenden Lebensräume für diese
Arten vorhanden sind.' Und das ist in der Lindenberger Gemarkung offensichtlich
der Fall. In das leicht kuppierte Terrain von Äckern und Wiesen sind
Feldgehölze, Sölle und kleine Weidenbrüche eingelagert.
Der Augraben sichert die Wasserversorgung in der Flur.
Fruchtbare Standorte wechseln mit armen, so dass auch kleinere Ödflächen
vorhanden sind.
Die parkähnliche Landschaft kommt nicht nur den Ansprüchen
des Damwildes entgegen, sondern behagt Hasen, Fasanen, Rebhühnern,
Wildkaninchen und Enten. Dass die ganze Palette des Niederwildes hier heimisch
ist, hat auch etwas mit dem jahrelangen Engagement der Jagdpächter zu tun.
Landschaft erhielt Struktur Als die Jäger vor 20 Jahren ihre
Pläne zur Anhebung des Niederwildbesatzes schmiedeten, gaben sie sich zwei
Vorgaben: Verbesserung der Biotopverhältnisse und intensiviere
Raubwildbejagung.
Der Rückbesinnung auf diese beiden klassischen Instrumente
der Niederwildhege war erforderlich, da die heutige abwechslungsreiche
Revierstruktur zum damaligen Zeitpunkt nicht vorhanden war. Die industriemäßige
Landwirtschaft hatte auch in der Lindenberger Flur ihre Spuren hinterlassen.
Die Jäger begannen Hecken und Feldgehölzen zu pflanzen und legten kleine
Wasserlöcher an, die als Feuchtbiotope nicht nur den Breitschnäbeln, sondern auch
vielen Insekten, Lurchen und Fröschen Heimstätten geben.
Eine besondere Erfolgsgeschichte verbindet sich mit der
Uferbegrünung des Augrabens, eines kleinen, sich durch
das Revier schlängelnden Baches. Als die ersten Bepflanzungen in der Landschaft
deutlich sichtbar wurden, fand der Wasser- und Bodenverband an den Aktivitäten
der Jäger Gefallen und setzte in den Folgejahren die Aktionen fort. Jetzt ist
der gesamte Augraben mit Bäumen bestockt, größtenteils mit Erlen.
Die bis zu dreireihigen Grabenbepflanzungen, die nur
einseitig gemäht werden, haben sich zu einem ruhigen, deckungsreichen
Revierbereich mit hoher Attraktivität sowohl für Stockente, Fasan,
Sumpfrohrsänger als auch für das Rehwild entwickelt.
Und noch ein ökologischer 'Nebeneffekt' trat in Erscheinung:
Die Beschattung des Grabens bewirkte eine Unterdrückung der Verkrautung, was
die Wasserqualität verbesserte und zu höherem Fischreichtum führte, und das
wiederum zog den Fischotter wieder an.
Nutzen im Doppelpack
Revierstruktur: 800 Hektar Ackerland, 200 Hektar Wiesen, Ödland, 100 Hektar Wald
Schalenwild: Damwild (Hauptwildart), Schwarzwild, Rotwild,
Rehwild
Jahresstrecke 2008/09: 14 Stück Damwild, 52 Sauen, 38 Stück
Rehwild
Raubwildstrecke 2008/09: gesamt 114 Stück (davon 59 Füchse,
43 Marderhunde,
acht Marder, vier Dachse)
Lebensadern in der Flur
Die von den Jagdpächtern als Hecken, Feldgehölze, Remisen
und Uferbegrünungen gepflanzten tausende von Bäumen und Sträuchern - genau hat
sie keiner gezählt -, haben dem Revier wieder ein Gefüge gegeben. Als grüne
Lebensadern durchziehen sie die Flur und vereinen sich zu einem Biotopverbund.
Intensive Fallenjagd Doch die umfangreiche Biotophege in der Lindenberger Gemarkung wäre
vergebene Liebesmüh, wenn sich das Jägerquintett nicht mit gleicher Hingabe der
Raubwildbejagung widmen würde.
Beachtliche 100 Stück Raubwild weist die Strecke im Schnitt
der letzten Jahre auf, vorrangig Füchse und Marderhunde. Dabei, und das
überrascht, macht der Anteil der Fallenjagd 70 Prozent aus. Absoluter Favorit
unter den Fanggeräten ist die Conibear-Falle. 'Wir schwören auf sie', erklärt
Mitpächter Jens Viebahn, 'weil sie mit absoluter Wirkung tierschutzgerecht
tötet, bestens der Umgebung angepasst werden kann und örtlich flexibel
einsatzbar ist. Für unser Revier mit nur wenig Besucherverkehr ist sie die
effektivste Falle.'
Die Beutegreifer am Boden haben die Jäger weitestgehend im
Griff. Völlig anders verhält es sich mit den Prädatoren aus der Luft.
Rabenvögel, zunehmend Kolkraben, verursachen erhebliche Gelegeausfälle. 'Durch
das Jagdverbot für die schwarzen
Gesellen in Mecklenburg-Vorpommern sind uns die Hände gebunden', sagt Arno
Kurth. 'Das frustriert und macht uns immer wieder einen Strich durch die
Rechnung. Ein verhaltener Eingriff wäre von großem Vorteil für das Niederwild.
Hier muss die Landespolitik Farbe bekennen.'
Durch die Gelegeverluste müssen zur Stabilisierung des
Fasanenbesatzes regelmäßig Auswilderungen erfolgen. Dafür eignen sich die
Revierteile mit viel Deckung, Wasser und einem dornenreichen Baumbestand. Die
Rebhuhnpopulation (Naturbrut) hält sich auf niedrigen Niveau vor allem in den
samen- und insektenreichen Ödländereien.
Völlig anders die Situation bei den Langohren. Deren stete
Zunahme bringt die Jäger ins Verzücken. Der Besatz liegt weit über dem
Landesdurchschnitt von acht Hasen je 100 Hektar. Er ist Beleg für die
Richtigkeit des eingeschlagenen Weges.
Eine erhebliche Aktie an dem erfreulichen Aufwärtstrend hat
die Agrargenossenschaft Lindenberg. Die Bauern lassen in den Schlägen um jeden
Bruch, um jedes Söll und an den Waldkanten einen zehn Meter breiten
Grünstreifen ungespritzt liegen, der nicht beackert und nur einmal jährlich
gemäht wird. Ein herrlicher Anblick, wie diese Flächen von Mümmelmännern
angenommen werden!
'Obwohl der Besatz in einigen Revierecken ein bejagdbares
Niveau erreicht hat, bleiben die Flinten weiterhin im Schrank', bemerkt Jens
Viebahn. 'Eher müssen wir bei den Wildkaninchen umdenken und Strecke machen,
damit die nicht zu Schaden gehen', ergänzt Arno Kurth.
Wenn in diesem pommerschen Landstrich jetzt vermehrt das Quorren und Puitzen der Waldschnepfe während der Balz vernehmbar ist, die Kranichpaare zunehmen und eine Trauerseeschwalbenkolonie überlebt, ist das auch ein Verdienst der Lindenberger Schalenwildjäger, die zugleich Niederwildheger mit großer Passion sind. RS
Kommentare
Sie können diesen Artikel kommentieren und mit jagderleben.de-Lesern und der Redaktion über das Thema diskutieren. Zum Kommentieren bitte anmelden.






























































































