22.12.2011
Zur Strecke gelegt: Ein Blick auf das Jagdjahr 2010/11
Wieder hohe Schwarzwildstrecken landauf, landab. Hingegen herbe Rückgänge bei zahlreichen Niederwildarten. Ein Blick auf das Jagdjahr 2010/11:
Schalenwild dominiert
Zunächst fällt auf, wir befinden uns weiterhin auf dem Weg zu überwiegend auf Schalenwild ausgerichteten Revieren. Die Strecken von Hase, Fasan, und Rebhuhn gehen weiter zurück. Und dies besonders in den klassischen Niederwildländern wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In großen Flächenländern wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern spielen Hase und Co. jagdlich ohnehin keine Rolle mehr. Dort gilt die ganze Aufmerksamkeit, der Not gehorchend, vor allem dem Schalenwild und da besonders den Sauen. Der Wildschadensdruck ist dort und in anderen Ländern so hoch, dass Fuchs und Hase im Zweifel nicht erlegt werden, weil ja noch die Sauen kommen könnten. Womit wir beim 'Problemwild Nr. 1' wären, dem Schwarzwild.
Sauen ohne Ende?
Schaut man sich die Streckenentwicklung der Schwarzkittel im Lauf der letzten Jahrzehnte an, so ist ein stetiger Aufwärtstrend unübersehbar. Bekanntermaßen spielen dabei klimatische Veränderungen und damit einhergehend meist sehr geringe Frischlingssterblichkeit und die Veränderungen in der Landwirtschaft, Stichwort Schlaraffenland, eine große Rolle. Man sollte allerdings die zunehmende 'Vermaisung' unserer Agrarlandschaft nicht ungeprüft als Hauptursache des Bestandesanstiegs bei Sauen verantwortlich machen. In Hessen und in Rheinland-Pfalz spielt Mais im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen eher eine untergeordnete Rolle. Dennoch sind gerade in beiden erstgenannten Bundesländern die Sauenstrecken in den letzten Jahren enorm angestiegen. Eine wichtige Rolle spielen sicher auch die in immer kürzeren Abständen zu beobachtenden Vollmasten im Wald. Einerseits wird den Sauen dadurch Fraß ohne Ende geliefert und andererseits fällt das Ergebnis der Kirrjagd in Mastjahren eher mager aus.
Verantwortung der Grünen Zunft
Wir Jäger haben allerdings in Sachen Schwarzkittel auch keine ganz reine Weste. Offenbar schaffen wir es in den meisten Jahren nicht, zumindest den Zuwachs, der so um die 300% des Frühjahrsbestandes betragen dürfte, abzuschöpfen. Außerdem erlegen wir ausgerechnet bei der Schalenwildart mit der höchsten und flexibelsten Reproduktionsrate stets mehr männliches als weibliches Wild. Und wenn heutzutage bereits ein Großteil der Frischlinge geschlechtsreif wird und über 50% der Frischlingsbachen beschlagen werden oder bereits als Frischlinge frischen, dann ist klar, wo der jagdliche Schwerpunkt gesetzt werden muss. Die Fachleute sagen uns, erst wenn wir nachhaltig 80% der Frischlinge eines Jahrgangs strecken, ist ein langsamer Rückgang des Bestandes zu erwarten. Davon sind wir meist weit entfernt.
Sauen weiter scharf bejagen!
Die von Jahr zu Jahr zu beobachtenden, teilweise starken Schwankungen der Sauenstrecke sind einer Reihe von Ursachen geschuldet, die man oft nicht genau benennen kann. Da spielt der Wechsel von Jahren mit mehr oder weniger starker Waldmast ebenso eine Rolle wie die Witterung. Eine schlechte Mondphase hat bundesweit sicher einen erheblichen Streckenrückgang zur Folge, der sich im hohen 2-stelligen Tausenderbereich bewegen dürfte. Ein kalter Winter wie 2005/06 hatte im darauffolgenden Jahr wegen der hohen Frischlingsverluste einen regelrechten Streckeneinbruch zur Folge. Landauf landab war damals das Klagelied zu hören: 'Wir haben keine Sauen mehr, wir haben zu stark eingegriffen'. Und nur zwei Jahr später gab es dann einen neuen Streckenrekord mit fast 650 000 Sauen. Im Jagdjahr 2010/11 ist die Strecke wieder um fast 140 000 Stück gegenüber dem Vorjahr (439.906 Stück) angewachsen. Die Leute, die im letzten Jahr den Streckenrückgang als Bestandesreduktion interpretiert und die Jäger dafür gelobt hatten, lagen also erwartungsgemäß falsch. Nach wie vor muss die Parole lauten, Sauen bei jeder sich bietenden Gelegenheit scharf zu bejagen und schon früh bei den gestreiften Frischlingen anzufangen. Selbstverständlich fällt es dem Revierinhaber, bei dem die Sauen stark abgenommen haben, recht schwer, intensiv weiter zu jagen. Einmal ist es schwieriger, die wenigen Sauen erfolgreich zu bejagen und zweitens wird eben dann sozusagen instinktiv geschont, wenn man meint, keine Sauen mehr zu haben. Der Blick auf die hier gezeigte Gesamtstrecke aber und die Verantwortung jedes einzelnen Weidmannes für das Ganze sollten aber doch die Notwendigkeit weiterer scharfer Sauenbejagung deutlich machen.
Stiefkind Rotwild?
Bei Rot- und Damwild haben sich die Strecken auf Bundesniveau nur unwesentlich verändert. Auffällig ist hier allerdings eine extrem ungleichmäßige Verteilung. Während zum Beispiel in Brandenburg mit etwas über 2,9 Mio ha Jagdfläche knapp 9.000 Stück Rotwild erlegt wurden, beträgt die Rotwildstrecke in Bayern mit mehr als doppelt so großer Jagdfläche (ca. 6,7 Mio ha) 'nur' etwa 11.000 Stück. Ein Extrem besonderer Art stellt Baden-Württemberg dar. Dort wurden 2010/11 auf etwas über 3,2 Mio ha Jagdfläche 1.620 Stück Rotwild erlegt. Obwohl genetische Verinselung im Zusammenhang mit extremer Lebensraumbeschränkung in aller Munde ist, wird unser größtes einheimisches Säugetier in vielen Bundesländern immer noch in sog. Einstandsgebieten eingesperrt, die auf die Lebensraumansprüche dieser Wildart oft keine Rücksicht nehmen. Und Baden-Württemberg ist hier in einer beschämenden Vorreiterrolle. Offenbar wird dort, wie übrigens an vielen anderen Stellen, die Forderung nach Anpassung der Wildbestände an die Landeskultur überbewertet, während diejenige nach gesunden Wildbeständen, zumindest was das Rotwild angeht, gleichermaßen vernachlässigt wird.
Damwild im Osten und Norden stark
Verbreitungsschwerpunkte des Damwildes sind nach wie vor die nördlichen und östlichen Bundesländer. Brandenburg ist mit einer Strecke von 13.672 Stück Spitzenreiter, gefolgt von Niedersachsen (13.040 Stück), Mecklenburg-Vorpommern (11.223 Stück) und Schleswig-Holstein (9.498 Stück). Trotz der im Vergleich zum Reh- oder Schwarzwild geringen Bestände und Streckenzahlen können örtliche Konzentrationen, z. B. auf landwirtschaftlichen Kulturen, auch beim Damwild zu erheblichen Schäden in der Landwirtschaft führen. In Wolfsgebieten sind gelegentlich sog. 'Angstrudel' von weit über 100 Stück zu beobachten. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben durch die Einführung einer gemeinsamen Hege- und Bejagungsrichtlinie vor 10 Jahren versucht, lokal auftretende zu hohe Bestände von Dam- und Rotwild in den Griff zu bekommen. Die liberalen Vorgaben zur Bejagung haben auch tatsächlich dazu geführt, dass die bis etwa 2002 zu beobachtenden rasanten Streckenanstiege abgebremst wurden, Bestände also tatsächlich auf einem Niveau gehalten wurden. Es bleibt aber immer zu bedenken, Bestände lassen sich nicht ohne weiteres aus Strecken ableiten. Wenn aber Strecken bei vermutlich gleicher Bejagungsintensität kontinuierlich steigen, dann müssen auch die Bestände gestiegen sein. Der umgekehrte Schluss ist allerdings nicht zulässig. Bei Bejagungsverzicht, aus welchen Gründen auch immer, sinkt die Strecke naturgemäß, ohne dass daraus auf Bestände oder Besätze geschlossen werden kann.
Rehwild allerorten
Häufigste und flächendeckend verbreitete Schalenwildart bleibt das Rehwild mit einer Jahresstrecke 2010/11 von fast 1,4 Mio Stück. Eine der Ursachen ist darin zu suchen, dass Rehwild extremer Kulturfolger ist und sich rasch und erfolgreich an unterschiedlichste Lebensraumsituationen anpassen kann. Der Streckenrückgang gegenüber dem Vorjahr von etwas über 14.000 Stück ist unbedeutend und liegt im Rahmen der jährlichen Schwankungen. Es entspricht also weder der Wahrheit noch ist es hilfreich, wenn unterschiedliche Jägerfraktionen sich gegenseitig vorwerfen, das Rehwild ausrotten zu wollen. Wenn im Zuge des aus unterschiedlichen Gründen gerade in Mode gekommenen Waldumbaus lokal Rehwildpopulationen extrem ausgedünnt werden, dann braucht sich darüber eigentlich niemand aufzuregen. Bei nachlassender Jagdintensität werden sich die Bestände rasch erholen. Das gleiche wird übrigens der Fall sein, wenn der Erfolg des geringeren Rehwildbestandes, nämlich eine dichte Bodenvegetation, da ist. Dann sieht man die Rehe nämlich kaum noch und die Bejagung wird sehr schwierig und zeitaufwendig.
Streckenzahlen sind nicht alles
Die hier vorliegende Zahl erlegter Rehe, dokumentiert den mehr oder weniger gelungenen Versuch, Rehwildbestände an die Landeskultur anzupassen. Über das Geschlechterverhältnis im Abschuss lässt sich nichts aussagen. Das wäre aber sehr wichtig, wollte den zweiten gesetzlichen Auftrag, Schaffung bzw. Erhaltung gesunder Wildbestände, näher beleuchten. Und gerade in diesem Punkt kann man zur Zeit zwei Extrempositionen beobachten. In vielen Revieren gewinnt man den Eindruck, dass der Abschuss weiblichen Rehwildes vernachlässigt wird. Motto: 'Ricken bringen die Kitze, die schieß ich doch nicht tot.' Da sieht man dann in einem Wintersprung leicht 30 und mehr weibliche Rehe und nur eine handvoll Böcke dabei. Das andere Extrem sind die Versuche, die Jagdzeit für Böcke bis zum 31. Januar zu verlängern, damit in der Drückjagdsaison wahllos jedes Reh erlegt werden kann. Dies führt dazu, - in Brandenburg gibt es dazu bereits konkrete veröffentlichte Zahlen und in Thüringen Einschätzungen der Beteiligten - dass mehr Böcke als vorher, eigentlich logisch, aber auch weniger weibliche Rehe erlegt werden. Langfristig ist beides kontraproduktiv, da das Abschussgeschlechterverhältnis nicht stimmt und damit ein Anwachsen der Population vorbestimmt ist.
Unfallzahlen zu hoch
Bei Wildunfällen sind Reh- und Schwarzwild naturgemäß am häufigsten beteiligt. Die Unfallwild-Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr. Auch ist deren Erfassung in den einzelnen Landkreisen und Bundesländern auf unterschiedlichem Niveau. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über die Polizeistatistik mancher Landkreise lachen. Da gibt es z. B. große Rehe (Rot-und Damwild) und kleine Rehe (Rehwild). Neben den vielfältigen Warn- und Abschreckvorrichtungen zur Vermeidung von Wildunfällen, die allesamt unterstützenswert sind, sollte sich aber bei den Revierinhabern auch herumsprechen, dass Bejagungsschwerpunkte an unfallträchtigen Straßenabschnitten ein sehr gutes Mittel sind, Unfälle zu vermindern. Die Antwort auf viele Wildunfälle auf der Straße sollte also nicht sein, deswegen den Abschussplan abzusenken, weil 'alles überfahren wird'. Die Antwort muss lauten, so viel wie möglich rechts und links von der Straße zu erlegen.
Boviden jagdlich eher unbedeutend
Hase und Co. sind Opfer der Intensivierung der Landwirtschaft
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